Sonntag, 29. April 2018

KS Raków Częstochowa - OKS Stomil Olsztyn 2:1

I Liga
Miejski Stadion Piłkarski Raków
Zuschauer: 2892 (317 Gäste)

Am Sonntag startete ich aus Katowice mit dem Intercity in den Norden von Oberschlesien, in die Stadt Częstochowa. Die zweitgrößte Stadt der Wojewodschaft Schlesien hat durch seinen christlichen Wallfahrtort Jasna Góra nicht nur eine große Bedeutung für die polnische Bevölkerung, sondern zieht Gläubige der römisch-katholischen Kirche aus aller Welt an. Der Grund für solch eine hohe Bedeutung des Ortes liegt in dem Marienbildnis „Schwarze Madonna“, das von den Polen als die wichtigste Reliquie der Nation gesehen wird. Für mich war klar, dass ich unbedingt zu diesem Hügel Jasna Góra, wo sich auch das Kloster mit dem Heiligenbild befindet, aufsuchen muss.
Seit 2008 findet auch jährlich eine Fan-Wallfahrt mit einem patriotisch-katholischen Charakter auf dieses Kloster statt, bei der sich sehr viele, auch eigentlich verfeindete Szenen mit mehreren tausend Teilnehmern blicken lassen. Es sind schon immer skurille Bilder, wenn dann ein Pfarrer, der einen Legia-Schal umhat, eine Zaunfahne von Lech mit Weihwassr segnet! Bei gefühlten 30 Grad ging es nach Ankunft um 10 Uhr direkt über die Altstadt auf die Jasna Góra. Aufgrund des Sonntages war der heilige Ort natürlich reichlich besucht. Als wohl einziger Tourist und Nicht-Katholik zugleich, fühlte ich mich ein wenig fremd hier. Denn wohl alle Besucher nahmen aktiv am Gottesdienst teil, gingen gleichzeitig in die Knie und gaben sich nach dem Abschluss der Veranstaltung einander die Hand, ohne sich zu kennen. Jasna Góra ist aber nicht nur das Kloster selbst, sodass ich mir noch das ganze Gelände bzw. die Festung entspannt angeschaut habe. Danach ging es wieder zurück über das Zentrum zum Bahnhof. Die Straßenbahn der Linie 3 brachte mich in 25 Minuten direkt vor das Stadion im Stadtteil Raków. 
Der größte Verein der Stadt RKS Raków ist interessanterweise nur ein Stadtteilverein aus dem gleichnamigen Bezirk. Für die Liebhaber der Arbeiterklasse unter euch steht das RKS übrigens für Arbeitersportclub. Der Verein wurde ursprünglich unter den Namen Racovia in März 1921 gegründet. Erst in den 90ern schaffte man es in die höchste Liga Polens aufzusteigen, wo die Rot-Blauen vier Saisons bis 1998 verbrachten. Seitdem war Raków sogar schon bis in die vierte Liga abgestiegen, inzwischen spielt man aber seit letztem Jahr wieder in der zweithöchsten Liga, sogar in der oberen Tabellenhälfte, mit. Am Stadion angekommen sah ich als erstes einen kleinen Mob in Rot gekleidet mit Gesängen marschieren. Danach besorgte ich mir für 19 zloty (ca. 4,5 EUR) eine Karte und betrat den Ground. Dieser ist wenig interessant, denn die Ränge sind sehr klein und auf der Gegengerade ist die Tribüne sogar aus Metallkonstruktion erbaut. Selbstverständlich gab es auch hier Gerüchte zum Stadion(um)bau, diese sind aber noch nicht konkret geworden. Es bleibt aber nur eine Frage derzeit, denn in Polen wird bekanntlich selbst in den unteren Ligen extrem viel neugebaut. 
Die Heimszene ist ein relativ interessanter Haufen und galt bis vor kurzem in den unteren Ligen als eine der besten. Mit dem Aufstieg in die zweite Liga ist man jetzt verglichen mit anderen Vereinen nur noch Mittelmaß darin, aber dennoch hat man einen gewissen eigenen Stil. Früher hatte die Szene viel um die eigene Stadt zu kämpfen, da mit Volleyball, Speedway und einem großen Widzew FC (Fanclub) genug Konfliktpotential in der Stadt vorhanden war. Inzwischen hat die Szene Czestochowa fest in ihrer Hand. Am Zaun waren heute viele Fahnen, teils sogar einige Lappen im deutschen Ministil angebracht. Außerdem zu sehen war ein Spruchband mit „RIP Alfie Evans“. Der Fall aus England, bei dem einer Familie vom britischen Gericht verboten wurde das zwei Jahre alte Kind außerhalb von Großbritannien medizinisch zu behandeln, hat natürlich im streng katholischen Polen große Wellen geschlagen. Im Block versammelten sich über 150 supportwillige und legten frühzeitig mit dem Support los. Auch die Normalos waren fleißig und wurden entsprechend oft mit in die Gesänge einbezogen. Das Repertoire war recht abwechslungsreich, die Lieder wurden typisch polnisch geschlossen vorgetragen. Einzigartig sowie umstritten zugleich dürfte der Gesang „Ave Racovia“ sein, der in Anlehnung an das „Ave Caesar“ auch noch mit dem römischen Gruß salutiert wird. 
Die Gäste waren wie schon bei meinen zwei ersten Spielen der Tour nicht pünktlich zum Anpfiff angekommen. So in der Mitte der Halbzeit zeigten sich aber die ersten Kibice aus dem 400 km entfernten Olsztyn. Letztendlich waren dann im Gästeblock über 300 Mann… Sehr stark und total überraschend! Denn Stomil ist jetzt nicht unbedingt für einen großen Auswärtsmob bekannt. Unterstützung bekamen diese übrigens von Petrochemia (75) und Polonia Bydgoszcz (12). Supporttechnisch waren diese aber weniger ansehnlich als Raków, da der Support mit größeren Pausen fast ausschließlich aus Schlachtrufen bestand. Zufrieden war ich dann wie gesagt trotzdem, denn solch einen guten Mob habe jetzt sicherlich nicht erwartet. 
Der Empfehlung aus dem Klassiker-Fanzine Pseudokibiców „nie die Wurst in Polen zu essen“ wurde nicht gefolgt und zum ersten Mal bei dieser Tour die Kielbasa (Wurst) für 10 zloty (ca. 2,25 EUR) gekauft. Die Wurst vom Holzkohlengrill mit zwei schwarzen Brotscheiben sowie einer sauren Gurke war aber eigentlich ganz schmackhaft! 
Nach dem Abpfiff ging es zügig wieder mit der Straßenbahn zum Bahnhof, wo nach kurzem Warten schon bald der Intercity nach Wroclaw (Breslau) abgefahren ist.



Text/Fotos: Шаффи

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