Samstag, 31. August 2019

Lokomotiv Plovdiv - Botev Plovdiv 1:1

Parva Liga
Stadion Lokomotiv
Zuschauer: 6200 (ca. 600 Gäste)


Der Samstag wurde der zweitgrößten Stadt des Landes, Plovdiv gewidmet. Dafür ging es bereits in der Früh mit der Bahn in die 140 km entfernte Stadt. Der Zug ist ein sehr alter IC aus Deutschland gewesen. Die Fahrt kostete gerade mal 4 Euro, wobei eine Sitzplatzreservierung für 50 cent hier auf jeden Fall nochmal empfehlenswert sei. Bei den lächerlichen Preisen kann man aber auch gleich die 1. Klasse buchen!
Für die Zugfahrt habe ich mich noch mit dem klassischen Frühstück für Bulgarien eingedeckt: Baniza mit Boza. Baniza ist ein Gebäck ähnlich zu Burek. Boza ist ein leicht alkoholisches, milchiges Biergetränk. Der Geschmack ist nicht jedermanns Sache und mit Bier hat er recht wenig zu tun. Nach über zwei Stunden Fahrt rollte mein Zug endlich in den Bahnhof von Plovdiv ein. Das Bahnhofsgelände ist für den Status der Stadt als europäische Kulturhauptstadt 2019 ziemlich marode. Wieder einmal ließ mich der Gedanke nicht los, wie das Land seit 12 Jahren bereits in der EU sein kann. Nach Ankunft wollte ich zunächst das legendäre Stadion „Plovdiv“ anschauen. Auf dem Weg dorthin wurde noch das Alyosha-Monument auf dem Hügel mitgenommen. Die Statue wurde in Anlehnung an den sowjetischen Soldaten der dritten ukrainischen Front im Jahr 1957 erbaut. Seitdem wurde sie zu einem echten Symbol der Stadt. Selbst ein russischer Song ist für die Alyosha erschienen und war sogar bis zur Wende auch noch die Hymne der Stadt Plovdiv. Dies war wohl auch der Grund, warum in den 90ern die Abrissversuche im Rahmen der landesweiten Dekommunisierung bedingt durch den Widerstand der Bevölkerung scheiterten.
Nachdem ich endlich am Stadion Plovdiv angekommen war und zunächst erfolglos eineinhalb Runden um das zunächst verschlossene Stadion drehte, ging ein Tor auf und prompt war ich in dem Kessel drin. Seit 1996 finden hier drin keine großen Spiele mehr statt, nur irgendwelche Amateurspiele, wie z.B. von FA Plovdiv, werden hier ausgetragen. Das Stadion, welches 1950 eröffnet wurde, war zwischendurch mal die Heimat der bulgarischen Top-Clubs Botev und Lok gewesen, sodass hier einige weltbekannte Teams (FC Barcelona, Juventus, Bayern, Lazio…) für Europapokalspiele empfangen wurden. Die Hoffnung, dass das Stadion für große Spiele wieder reanimiert wird, strebt gegen Null. Sowohl Lok als auch Botev haben ihre eigene Stadien und diese sollen in erster Linie erneuert werden. Übrigens gibt es neben den beiden großen Vereinen in Plovdiv noch die Clubs Spartak und Maritsa, die der Recherche nach auch einen Besuch wert sind. Wie schon erwähnt, ist Plovdiv die Kulturhauptstadt Europas im aktuellen Jahr und hat damit auch einiges Sehenswertes zu bieten. Nach dem Besuch im Stadion Plovdiv schaute ich mir eben die Altstadt an. Seinen Status als die Kulturhauptstadt des Kontinens hat es nicht umsonst: Plovdiv ist nicht von schlechten Eltern und definitiv empfehlenswert im Gegensatz zu Sofia.
Trotz dem 121. Stadtderby war auf den Straßen weit und breit nichts von Fußball zu spüren. Doch je näher ich mich dem Stadion im Lauta Park näherte, desto mehr war die Anspannung für das anstehende Spiel zu spüren. Aufgrund des Heimspiels für Lok waren auch fast nur die Fans der Eisenbahner zu sehen. Als plötzlich ein Auto voller provozierender Botev-Fans an der Ampel angehalten hat, kam die Staatsmacht doch mächtig ins Schwitzen und sperrte erst mal sicherheitshalber sogar die ganze Kreuzung ab. Frühzeitig war ich dann am Stadion Lokomotiv, das auch einfach “Lauta” genannt wird, angekommen. Schon das Ambiente vor dem Ground mit den zahlreichen Bierausschänken wirkt angenehm. Das Stadion selbst besteht inzwischen wieder aus vier bebauten Seiten, wobei die Nordkurve, die bereits 2013 abgerissen wurde, nur ein provisorischer Block mit 660 Plätzen ist. Nach dem Pokalsieg kam Lok nämlich in diesem Jahr nach sieben Jahren Abstinenz wieder in den Europapokal, sodass das Stadion um diese kleine Tribüne erweitert werden (musste). Die ganzen Ultrasgruppen stehen nun wieder hinter dem Tor. Dadurch, dass der Platz da aber nicht ausreichend ist, stehen genug aktive Leute noch auf der Gegengerade. So kam es während dem Derby zwischendurch auch mal dazu, dass die Gegengerade und die Kurve zwar generell laut, aber unterschiedliches angestimmt haben. Insgesamt war die Stimmung bei dem Spiel jetzt nicht durchgehend umwerfend. Einige Phasen waren schon ganz klasse, aber diese waren eben zu selten. Der Support war auch etwas besser auf der Seite der Hausherren gewesen. Die Heimszene präsentierte in Laufe der ersten Halbzeit über die Hintertortribüne und die Gegengerade eine Choreo, die dem diesjährigen Pokalsieg gewidmet war. Das Geniale an dem zweiten Pokalsieg in der Vereinsgeschichte ist, dass er im Finale am 15.05.2019 ausgerechnet gegen den Stadtrivalen Botev eingefahren wurde. Sonst wurde sich in der Heimkurve noch in einem oder anderem Spruchband über den Rivalen lustig gemacht. Die Gäste rollten in etwa zur 7. Spielminute eine Blockfahne aus. Der Spruch am Zaun „Plovdiv gehört uns“ rundete die Choreo ab. Noch während die Fahne oben war schoss Botev das Führungstor und beim Jubel war auch der Zaun zum Spielfeld schnell durchbrochen. Die Polizei, die schon reichlich auf der Tartanbahn vorhanden waren, machte die Lücke gleich dicht. Ich muss ja sagen, dass es mehr oder weniger entspannt ablief... Entweder wollten die Kanarchetata (Spitzname, übersetzt Kanarienvögel) nicht wirklich raus aus dem Block oder die Polizei war generell locker drauf, aber es gab keinerlei Pfeffersprayeinsatz und 50 Festnahmen wie es wohl bei uns der Fall gewesen wäre. Gegen Ende des Spiels wurden noch von den Gästen ein paar Bengalos abgebrannt, wirkte aber doch eher alibimäßig.
Eine richtige Pyroshow, was zum guten Ton eines Derbys gehört, gab es an diesem Abend leider nicht mehr… Zufrieden war ich dennoch und schließlich stand für mich am nächsten Tag noch das bulgarische Hauptstadtderby auf der Agenda. Nach dem Spiel ging es gemütlich quer durch die Stadt zu dem nördlichen Busbahnhof, wo gegen 22 Uhr mein Bus Richtung Sofia abgefahren ist. 


Text/Fotos: Шаффи