Parva Liga
Stadion Lokomotiv
Zuschauer: 6200 (ca. 600 Gäste)
Der Samstag wurde der zweitgrößten Stadt des Landes, Plovdiv gewidmet.
Dafür ging es bereits in der Früh mit der Bahn in die 140 km entfernte
Stadt. Der Zug ist ein sehr alter IC aus Deutschland gewesen. Die Fahrt
kostete gerade mal 4 Euro, wobei eine Sitzplatzreservierung für 50 cent
hier auf jeden Fall nochmal empfehlenswert sei. Bei den lächerlichen
Preisen kann man aber auch gleich die 1. Klasse buchen!
Für die
Zugfahrt habe ich mich noch mit dem klassischen Frühstück für Bulgarien
eingedeckt: Baniza mit Boza. Baniza ist ein Gebäck ähnlich zu Burek.
Boza ist ein leicht alkoholisches, milchiges Biergetränk. Der Geschmack
ist nicht jedermanns Sache und mit Bier hat er recht wenig zu tun. Nach
über zwei Stunden Fahrt rollte mein Zug endlich in den Bahnhof von
Plovdiv ein. Das Bahnhofsgelände ist für den Status der Stadt als
europäische Kulturhauptstadt 2019 ziemlich marode. Wieder einmal ließ
mich der Gedanke nicht los, wie das Land seit 12 Jahren bereits in der
EU sein kann. Nach Ankunft wollte ich zunächst das legendäre Stadion
„Plovdiv“ anschauen. Auf dem Weg dorthin wurde noch das Alyosha-Monument
auf dem Hügel mitgenommen. Die Statue wurde in Anlehnung an den
sowjetischen Soldaten der dritten ukrainischen Front im Jahr 1957
erbaut. Seitdem wurde sie zu einem echten Symbol der Stadt. Selbst ein
russischer Song ist für die Alyosha erschienen und war sogar bis zur
Wende auch noch die Hymne der Stadt Plovdiv. Dies war wohl auch der
Grund, warum in den 90ern die Abrissversuche im Rahmen der landesweiten
Dekommunisierung bedingt durch den Widerstand der Bevölkerung
scheiterten.
Nachdem ich endlich am Stadion Plovdiv angekommen war
und zunächst erfolglos eineinhalb Runden um das zunächst verschlossene
Stadion drehte, ging ein Tor auf und prompt war ich in dem Kessel drin.
Seit 1996 finden hier drin keine großen Spiele mehr statt, nur
irgendwelche Amateurspiele, wie z.B. von FA Plovdiv, werden hier
ausgetragen. Das Stadion, welches 1950 eröffnet wurde, war zwischendurch
mal die Heimat der bulgarischen Top-Clubs Botev und Lok gewesen, sodass
hier einige weltbekannte Teams (FC Barcelona, Juventus, Bayern, Lazio…)
für Europapokalspiele empfangen wurden. Die Hoffnung, dass das Stadion
für große Spiele wieder reanimiert wird, strebt gegen Null. Sowohl Lok
als auch Botev haben ihre eigene Stadien und diese sollen in erster
Linie erneuert werden. Übrigens gibt es neben den beiden großen Vereinen
in Plovdiv noch die Clubs Spartak und Maritsa, die der Recherche nach
auch einen Besuch wert sind. Wie schon erwähnt, ist Plovdiv die
Kulturhauptstadt Europas im aktuellen Jahr und hat damit auch einiges
Sehenswertes zu bieten. Nach dem Besuch im Stadion Plovdiv schaute ich
mir eben die Altstadt an. Seinen Status als die Kulturhauptstadt des
Kontinens hat es nicht umsonst: Plovdiv ist nicht von schlechten Eltern
und definitiv empfehlenswert im Gegensatz zu Sofia.
Trotz dem 121.
Stadtderby war auf den Straßen weit und breit nichts von Fußball zu
spüren. Doch je näher ich mich dem Stadion im Lauta Park näherte, desto
mehr war die Anspannung für das anstehende Spiel zu spüren. Aufgrund des
Heimspiels für Lok waren auch fast nur die Fans der Eisenbahner zu
sehen. Als plötzlich ein Auto voller provozierender Botev-Fans an der
Ampel angehalten hat, kam die Staatsmacht doch mächtig ins Schwitzen und
sperrte erst mal sicherheitshalber sogar die ganze Kreuzung ab.
Frühzeitig war ich dann am Stadion Lokomotiv, das auch einfach “Lauta”
genannt wird, angekommen. Schon das Ambiente vor dem Ground mit den
zahlreichen Bierausschänken wirkt angenehm. Das Stadion selbst besteht
inzwischen wieder aus vier bebauten Seiten, wobei die Nordkurve, die
bereits 2013 abgerissen wurde, nur ein provisorischer Block mit 660
Plätzen ist. Nach dem Pokalsieg kam Lok nämlich in diesem Jahr nach
sieben Jahren Abstinenz wieder in den Europapokal, sodass das Stadion um
diese kleine Tribüne erweitert werden (musste). Die ganzen
Ultrasgruppen stehen nun wieder hinter dem Tor. Dadurch, dass der Platz
da aber nicht ausreichend ist, stehen genug aktive Leute noch auf der
Gegengerade. So kam es während dem Derby zwischendurch auch mal dazu,
dass die Gegengerade und die Kurve zwar generell laut, aber
unterschiedliches angestimmt haben. Insgesamt war die Stimmung bei dem
Spiel jetzt nicht durchgehend umwerfend. Einige Phasen waren schon ganz
klasse, aber diese waren eben zu selten. Der Support war auch etwas
besser auf der Seite der Hausherren gewesen. Die Heimszene präsentierte
in Laufe der ersten Halbzeit über die Hintertortribüne und die
Gegengerade eine Choreo, die dem diesjährigen Pokalsieg gewidmet war.
Das Geniale an dem zweiten Pokalsieg in der Vereinsgeschichte ist, dass
er im Finale am 15.05.2019 ausgerechnet gegen den Stadtrivalen Botev
eingefahren wurde. Sonst wurde sich in der Heimkurve noch in einem oder
anderem Spruchband über den Rivalen lustig gemacht. Die Gäste rollten in
etwa zur 7. Spielminute eine Blockfahne aus. Der Spruch am Zaun
„Plovdiv gehört uns“ rundete die Choreo ab. Noch während die Fahne oben
war schoss Botev das Führungstor und beim Jubel war auch der Zaun zum
Spielfeld schnell durchbrochen. Die Polizei, die schon reichlich auf der
Tartanbahn vorhanden waren, machte die Lücke gleich dicht. Ich muss ja
sagen, dass es mehr oder weniger entspannt ablief... Entweder wollten
die Kanarchetata (Spitzname, übersetzt Kanarienvögel) nicht wirklich
raus aus dem Block oder die Polizei war generell locker drauf, aber es
gab keinerlei Pfeffersprayeinsatz und 50 Festnahmen wie es wohl bei uns
der Fall gewesen wäre. Gegen Ende des Spiels wurden noch von den Gästen
ein paar Bengalos abgebrannt, wirkte aber doch eher alibimäßig.
Eine richtige Pyroshow, was zum guten Ton eines Derbys gehört, gab es an
diesem Abend leider nicht mehr… Zufrieden war ich dennoch und
schließlich stand für mich am nächsten Tag noch das bulgarische
Hauptstadtderby auf der Agenda. Nach dem Spiel ging es gemütlich quer
durch die Stadt zu dem nördlichen Busbahnhof, wo gegen 22 Uhr mein Bus
Richtung Sofia abgefahren ist.
Text/Fotos: Шаффи





























