Mittwoch, 31. Oktober 2018

Hirnyk Kryvyi Rih - FK Lviv 0:1

Ukrainischer Pokal
Stadion Shakhty Zhovtneva
Zuschauer: 2300

Während der einen Woche meiner Tour war auch das Achtelfinale des Pokals angesetzt. Unter den ganzen Spielen wählte ich mir das Spiel in Kryvyi Rih aus. Erstens war ich nie in der Stadt gewesen, zweitens war die Anreise aus Odessa relativ entspannt. Die Fahrt dahin und zurück ging im Nachtzug für jeweils 7 Euro in der zweiten Klasse (Kupé). Für den Preis hätte ich natürlich auch die erste Klasse nehmen können, aber in diesem Zug gab es nur noch die dritte Klasse (Platzkart). Der Unterschied zwischen den beiden Klassen ist, dass das Kupé ein Viererabteil ist, während Platzkart ein Großraumwagen mit 52 Betten ist.
Um ca. 22 Uhr startete mein Zug von Odessa nach Kryvyi Rih. Trotz der nicht allzu großen Direktentfernung von 320 km brauchte die Bahn aufgrund des langen Streckenverlaufs schon 12 Stunden, was mir aber natürlich nur Recht war. Kryvyi Rih ist mit 657 000 Einwohnern die achtgrößte Stadt des Landes. Dabei ist es aber gar keine Oblast-Stadt, sondern gehört zu der Oblast von Dnipro (früher: Dnipropetrovsk). Kryvyi Rih ist nicht für seine Schönheit, sondern als eine bedeutende Industriestadt sowie als Zentrum des Eisenerzbeckens (genannt Kryvbas) bekannt. Eine Besonderheit der Stadt Kryvyi Rih ist ihre Länge: Mit 67 km vom nördlichsten bis zum südlichsten Punkt gilt sie als die längste Stadt Europas. Auf der offiziellen Rathaus-Seite ist sogar von 126 km die Rede, wobei diese Zahl mir vollkommen utopisch wirkt. So hieß es auch für mich heute meine Fahrerei durch Kryvyi Rih aus logistischer Sicht gut zu planen. Als erstes ging es vom Hauptbahnhof mit der Marschrutka in die Stadt bzw. zum Stadion Metalurh. Leider wird heutzutage diese geile Kiste nicht mehr bespielt. Früher hat hier nicht nur der FK Kryvbas seine Heimspiele, sondern in der Sowjetzeit auch die Europapokalspiele der FK Dnipro Dnipropetrovsk ausgetragen. Da Dnipropetrovsk damals noch eine sogenannte „geschlossene Stadt“ war und dort somit keine Ausländer einreisen durften, musste der FK Dnipro seine Gegner im Europapokal stets in dem 150 km entfernten Kryvyi Rih empfangen. 2013 ging der traditionsreiche Erstligist Kryvbas aber bankrott und das Stadion wurde kurzzeitig vom Hirnyk benutzt. Seit 2-3 Jahren wird es aber nicht mehr für offizielle Spiele genutzt. Aktuell gibt es Gerüchte, dass der teilweise marode Ground modernisiert werden soll. Berechtigterweise stellt sich aber die Frage wofür, denn aktuell ist der Nachfolgerverein FK Kryvbas nur in der 5. Liga vertreten, der ambitionierte Club FK Kryvyi Rih spielt in der  vierten Liga und der Drittligist Hirnyk braucht nicht wirklich ein solch großes Stadion. Die ganze Situation mit dem Profifußball in der Stadt ist recht traurig, wenn man auf die frühere Zeit mit Kryvbas zurückblickt. Selbst in den letzten Jahren hatte es Kryvbas trotz der finanziellen Schwierigkeiten immer wieder geschafft, eine gute Erstligatruppe auf dem Platz zu haben. Nach dem Spotting des Metalurh-Stadions wurde gefrühstückt sowie die sogenannte „Altstadt“ besucht. Anschließend wurde auch schon mit der Marschrutka das Stadion der Zeche Oktyabrskaya angesteuert. Nach einer halbe Stunde Fahrzeit war ich 15 km nördlicher angekommen. Direkt bei der noch aktiven Zeche Oktyabrskaya liegt das gleichnamige Stadion. Es ist ein kleiner Ground mit zwei Tribünen auf den langen Seiten. Die Bauweise ist nichts besonderes, doch die benachbarte Zeche sowie die beiden sozialistischen Sprüche am Eingang machen den Ground doch ganz nett. „Bergarbeiter – ein Job der Mutigen“ und „Ehre den Herren der Erde“ heißt es an den Stadiontoren. Hirnyk gilt als Club des größten Eisenerzkombinats des Landes. Früher war der Verein ganz klar im Schatten des langjährigen Erstligisten FK Kryvbas. Doch mit seinem Verschwinden aus dem Profifußball konnte auch Hirnyk in der Stadt an Bedeutung gewinnen. Nach zwei Jahren Abstinenz ist Hirnyk seit dieser Saison selbst wieder zurück im Profifußball. Bei den Spielen der dritten Liga kamen in der Hinrunde immer über 1000 Zuschauer ins Stadion. Heute gegen einen langweiligen Erstligisten wurde sogar eine Zuschauerzahl von 2300 genannt. Die Mannschaft spielte überraschend wirklich gut, FK Lviv konnte aber mit dem Tor gegen Ende des Spiels ins Achtelfinale einziehen. Nach dem Spiel wurde im Zentrum im Gastro Cafe 15, das auf dem ersten Platz auf Tripadvisor gelistet ist, wirklich sehr gut gegessen. Bemerkenswert auch die Preise in einer Industriestadt, die nicht nur nach Deutschland, sondern auch nach Odessa oder Kyiv, extrem gering wirken. Der erfolgreiche Tag konnte dann wieder im Bett des Nachtzuges nach Odessa beendet werden. 

Text/Fotos: Шаффи