Samstag, 27. Oktober 2018

Desna Chernihiv - FK Mariupol 2:0

Premier Liga
Stadion Yuriya Gagarina
Zuschauer: 2873

Fast eineinhalb Jahre war ich nicht in meiner ukrainischen Heimat gewesen. Mit dem Arbeitsalltag und beschränktem Urlaub sind die Reisen in die Ukraine nicht mehr so regelmäßig geworden. Lässt sich aber ändern, was ich nach dem vergangenen 11-tägigen Aufenthalt definitiv vor habe. Durch die vielen Bekanntschaften und den kulturellen Aspekt ist es für mich eben komplett was anderes, als eine Hopping-Tour in ein x-beliebiges Land, egal wie gut das jeweilige Land auch sein mag. Mit dem Beginn des Krieges 2014 wurden viele Low-Cost-Flüge in die Ukraine abgesagt, doch in der letzten Zeit konnten die Fluggesellschaften wieder überzeugt werden, in die Ukraine zu kommen. So fliegen Wizzair und Ryanair inzwischen aus mehreren deutschen Städten Kyiv, Lviv und Kharkiv an. Potentiell soll irgendwann auch meine Heimatstadt Odessa folgen.
Für mich ging es also am Freitagnachmittag mit der pinken Maschine von Frankfurt in die Hauptstadt der Ukraine. Im Gegensatz zu Ryanair, die den großen Flughafen im Vorort Boryspil anfliegen, landet Wizzair dort direkt im Stadtflughafen namens Zhulyany. Von dort aus kommt man bequem entweder mit Marschrutka oder Oberleitungsbus der Linie 9 in die Stadt bzw. zur Metro. So nahm ich nach der Landung um 19 Uhr den Oberleitungsbus und lief dann die restlichen zwei Kilometer zu meiner Bleibe. Dort wartete schon ein Kumpel mit Freundin auf mich. Die beiden sind am Morgen mit dem Zug aus Odessa gekommen, um mit mir am nächsten Tag noch nach Chernihiv zu fahren. Doch noch am Abend in Kyiv verbrachten wir etwas Zeit. Es ging zum Abendessen ins krimtatarische Restaurant Musafir. Die Krimtataren waren bis zu Annektion der Krim auf dem Festland der Ukraine eigentlich wenig verbreitet, doch mit der Okkupation der Halbinsel haben viele ihre Heimat aus Angst vor Verfolgung verlassen. Die Krimtataren haben schon in der Sowjetunion schlechte Erfahrung mit den Russen gemacht und so ging man lieber der potentiellen Gefahr wieder aus dem Weg. Diese Tendenz hatte aber wie alles auch eine positive Seite: Dadurch wurde die Kultur und die Küche der Krimtataren in der Ukraine massentauglich. Das genannte Restaurant ist sehr beliebt unter der Kiewer Bevölkerung und auch wir waren vom Besuch absolut begeistert. Am nächsten Morgen wurde mit der Metro die Station Chernihivska angefahren. Von dort fahren dann regelmäßig Sprinter in die Oblast-Stadt Chernihiv ab. Für den Preis von 150 Hrivna (ca. 5 Euro) und nach einer Fahrzeit von eineinhalb Stunden waren wir dort angekommen. Chernihiv ist ca. 140 km nördlicher von Kiew entfernt und befindet sich unweit der belarussischen Grenze. In der Ukraine gibt es eigentlich keinen wirklichen Norden, man spricht eigentlich nur vom Süden, Osten, Westen oder Zentralukraine. Die Oblast (Region) von Chernihiv kann aber dennoch als Norden des Landes angesehen werden. Mit knapp 300.000 Einwohnern ist Chernihiv nicht allzu groß, aber dennoch nicht die kleinste Hauptstadt der 24 Oblaste der Ukraine. Historisch gesehen ist die Stadt recht interessant. Denn schon im 9. Jahrhundert zur Zeiten der Kiewer Rus, dem Vorläuferstaat von Ukraine, Belarus und Russland, war Chernihiv die zweitgrößte Stadt des Reichs. Nach der Ankunft liefen wir die zentrale Straße runter bis zum Dytynets Park. Früher stand hier eine große Burg, von der aber nicht viel geblieben ist. Inzwischen ist es nur ein grünes Gelände mit einigen mittelalterlichen orthodoxen Kirchen. Obwohl die Stadt recht übersichtlich ist, hinterließ sie bei mir und meinen Gefährten durch die Ordnung und Sauberkeit einen netten Eindruck. Es ist nicht das berüchtigte Kiew, wo es vielleicht zwar viel zu sehen gibt, aber doch alles recht chaotisch und dreckig zugeht. Das Erstligaspiel war schon auf 14:00 terminiert, sodass wir schon bald zum Ground aufbrachen. Das Stadion, das nach dem ersten Kosmonaut Yuri Gagarin benannt ist, besteht aus zwei Tribünen auf langen Seiten. Vor zwei Jahren wurde es renoviert, wobei der Großteil dieser Renovierung sich mit dem Spielfeld und nicht mit den Tribünen befasst hatte. So ist nur die Haupttribüne komplett für die Zuschauer zugänglich, während auf der Gegenseite nur in den jeweiligen Eckblöcken Platz für Heim- und Gästefans gemacht wurde. Die Mitte dieser Tribüne ist durch große Werbebanner abgesperrt. Es mag jetzt kein Traumground sein, aber für die erste Liga war der diesjährige Aufstieg von Desna definitiv eine Bereicherung. Die Besucherzahlen sind mit dem Beginn des Krieges im Jahr 2014 in der Ukraine nach und nach rapide gefallen. So gehen heutzutage im Schnitt lediglich 4000 Zuschauer, während es 2013 noch 12 000 in der Premier Liga gewesen sind. Desna mag jetzt auch kein Zuschauermagnet sein, ist aber in der ersten Erstligasaison der 58 jährigen Vereinsgeschichte mit 3700 im Schnitt aktuell doch im Mittelmaß angesiedelt. Es ist auch definitiv besser als irgendwelche ambitionierten Bauernvereine, die auch in der Ukraine aktuell an Bedeutung gewinnen. Eine Fanszene besteht in Chernihiv auch schon länger, was den Verein zusätzlich sympathisch macht. Seit ein paar Jahren gibt es eine Trennung in der Fanszene, sodass die einen Ultras aktuell auf der Haupttribüne stehen. Diese waren aber weniger interessant, mein Interesse richtete sich an den eigentlichen Fanblock auf der Gegengeraden. Dieser supportete das ganze Spiel über und konnte mich in Anbetracht seiner Größe mehr oder weniger überzeugen. Kulinarisch ist das Stadion von Desna übrigens eine Top-Adresse der Ukraine: Für 40 Hrivna (1,30 Euro) gibt es ein kleines Hähnchenschaschlik (incl. Tomaten und Champignons) und außerdem gibt es noch den georgischen Käse Sulguni im Fladenbrot gebacken für umgerechnet 1 Euro. Bei einem Besuch hierzulande sind die beiden Sachen definitiv zu empfehlen! Eine Anekdote am Rande: Desna hat einen sehr interessanten Fan, der jedes Spiel des Vereins verfolgt… Ein Engländer namens Ian Brush von Sheffield Wednesday kommt regelmäßig aus Großbritannien, um die Spiele seines neuen Vereins zu sehen. Unter den Einheimischen ist er natürlich bekannt und eine wahre Legende, sodass sich sogar Kinder mit ihm ablichten lassen. 
Nach dem Spiel und einer Mahlzeit ging es wieder zurück in die Hauptstadt. Kurz nach 21 Uhr ist dann auch schon der Nachtzug in meine Heimatstadt Odessa abgefahren, während meine Freunde noch auf ihren Bus warteten. Für etwa 18 Euro empfehle ich aber jedem definitiv das bequeme Nachtzugfahren.

Text/Fotos: Шаффи

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