Stadion Yuriya
Gagarina
Zuschauer: 2873
Fast eineinhalb
Jahre war ich nicht in meiner ukrainischen Heimat gewesen. Mit dem
Arbeitsalltag und beschränktem Urlaub sind die Reisen in die Ukraine nicht mehr
so regelmäßig geworden. Lässt sich aber ändern, was ich nach dem vergangenen
11-tägigen Aufenthalt definitiv vor habe. Durch die vielen Bekanntschaften und
den kulturellen Aspekt ist es für mich eben komplett was anderes, als eine
Hopping-Tour in ein x-beliebiges Land, egal wie gut das jeweilige Land auch
sein mag. Mit dem Beginn des Krieges 2014 wurden viele Low-Cost-Flüge in die
Ukraine abgesagt, doch in der letzten Zeit konnten die Fluggesellschaften
wieder überzeugt werden, in die Ukraine zu kommen. So fliegen Wizzair und
Ryanair inzwischen aus mehreren deutschen Städten Kyiv, Lviv und Kharkiv an.
Potentiell soll irgendwann auch meine Heimatstadt Odessa folgen.
Für mich ging
es also am Freitagnachmittag mit der pinken Maschine von Frankfurt in die
Hauptstadt der Ukraine. Im Gegensatz zu Ryanair, die den großen Flughafen im
Vorort Boryspil anfliegen, landet Wizzair dort direkt im Stadtflughafen namens
Zhulyany. Von dort aus kommt man bequem entweder mit Marschrutka oder
Oberleitungsbus der Linie 9 in die Stadt bzw. zur Metro. So nahm ich nach der
Landung um 19 Uhr den Oberleitungsbus und lief dann die restlichen zwei
Kilometer zu meiner Bleibe. Dort wartete schon ein Kumpel mit Freundin auf
mich. Die beiden sind am Morgen mit dem Zug aus Odessa gekommen, um mit mir am
nächsten Tag noch nach Chernihiv zu fahren. Doch noch am Abend in Kyiv
verbrachten wir etwas Zeit. Es ging zum Abendessen ins krimtatarische
Restaurant Musafir. Die Krimtataren waren bis zu Annektion der Krim auf dem
Festland der Ukraine eigentlich wenig verbreitet, doch mit der Okkupation der
Halbinsel haben viele ihre Heimat aus Angst vor Verfolgung verlassen. Die
Krimtataren haben schon in der Sowjetunion schlechte Erfahrung mit den Russen
gemacht und so ging man lieber der potentiellen Gefahr wieder aus dem Weg.
Diese Tendenz hatte aber wie alles auch eine positive Seite: Dadurch wurde die
Kultur und die Küche der Krimtataren in der Ukraine massentauglich. Das
genannte Restaurant ist sehr beliebt unter der Kiewer Bevölkerung und auch wir
waren vom Besuch absolut begeistert. Am nächsten Morgen wurde mit der Metro die
Station Chernihivska angefahren. Von dort fahren dann regelmäßig Sprinter in
die Oblast-Stadt Chernihiv ab. Für den Preis von 150 Hrivna (ca. 5 Euro) und
nach einer Fahrzeit von eineinhalb Stunden waren wir dort angekommen. Chernihiv
ist ca. 140 km nördlicher von Kiew entfernt und befindet sich unweit der
belarussischen Grenze. In der Ukraine gibt es eigentlich keinen wirklichen
Norden, man spricht eigentlich nur vom Süden, Osten, Westen oder
Zentralukraine. Die Oblast (Region) von Chernihiv kann aber dennoch als Norden
des Landes angesehen werden. Mit knapp 300.000 Einwohnern ist Chernihiv nicht
allzu groß, aber dennoch nicht die kleinste Hauptstadt der 24 Oblaste der
Ukraine. Historisch gesehen ist die Stadt recht interessant. Denn schon im 9.
Jahrhundert zur Zeiten der Kiewer Rus, dem Vorläuferstaat von Ukraine, Belarus
und Russland, war Chernihiv die zweitgrößte Stadt des Reichs. Nach der Ankunft
liefen wir die zentrale Straße runter bis zum Dytynets Park. Früher stand hier
eine große Burg, von der aber nicht viel geblieben ist. Inzwischen ist es nur
ein grünes Gelände mit einigen mittelalterlichen orthodoxen Kirchen. Obwohl die
Stadt recht übersichtlich ist, hinterließ sie bei mir und meinen Gefährten
durch die Ordnung und Sauberkeit einen netten Eindruck. Es ist nicht das
berüchtigte Kiew, wo es vielleicht zwar viel zu sehen gibt, aber doch alles
recht chaotisch und dreckig zugeht. Das Erstligaspiel war schon auf 14:00
terminiert, sodass wir schon bald zum Ground aufbrachen. Das Stadion, das nach
dem ersten Kosmonaut Yuri Gagarin benannt ist, besteht aus zwei Tribünen auf
langen Seiten. Vor zwei Jahren wurde es renoviert, wobei der Großteil dieser
Renovierung sich mit dem Spielfeld und nicht mit den Tribünen befasst hatte. So
ist nur die Haupttribüne komplett für die Zuschauer zugänglich, während auf der
Gegenseite nur in den jeweiligen Eckblöcken Platz für Heim- und Gästefans
gemacht wurde. Die Mitte dieser Tribüne ist durch große Werbebanner abgesperrt.
Es mag jetzt kein Traumground sein, aber für die erste Liga war der diesjährige
Aufstieg von Desna definitiv eine Bereicherung. Die Besucherzahlen sind mit dem
Beginn des Krieges im Jahr 2014 in der Ukraine nach und nach rapide gefallen.
So gehen heutzutage im Schnitt lediglich 4000 Zuschauer, während es 2013 noch
12 000 in der Premier Liga gewesen sind. Desna mag jetzt auch kein
Zuschauermagnet sein, ist aber in der ersten Erstligasaison der 58 jährigen
Vereinsgeschichte mit 3700 im Schnitt aktuell doch im Mittelmaß angesiedelt. Es
ist auch definitiv besser als irgendwelche ambitionierten Bauernvereine, die
auch in der Ukraine aktuell an Bedeutung gewinnen. Eine Fanszene besteht in
Chernihiv auch schon länger, was den Verein zusätzlich sympathisch macht. Seit
ein paar Jahren gibt es eine Trennung in der Fanszene, sodass die einen Ultras
aktuell auf der Haupttribüne stehen. Diese waren aber weniger interessant, mein
Interesse richtete sich an den eigentlichen Fanblock auf der Gegengeraden.
Dieser supportete das ganze Spiel über und konnte mich in Anbetracht seiner
Größe mehr oder weniger überzeugen. Kulinarisch ist das Stadion von Desna
übrigens eine Top-Adresse der Ukraine: Für 40 Hrivna (1,30 Euro) gibt es ein
kleines Hähnchenschaschlik (incl. Tomaten und Champignons) und außerdem gibt es
noch den georgischen Käse Sulguni im Fladenbrot gebacken für umgerechnet 1
Euro. Bei einem Besuch hierzulande sind die beiden Sachen definitiv zu
empfehlen! Eine Anekdote am Rande: Desna hat einen sehr interessanten Fan, der
jedes Spiel des Vereins verfolgt… Ein Engländer namens Ian Brush von Sheffield
Wednesday kommt regelmäßig aus Großbritannien, um die Spiele seines neuen
Vereins zu sehen. Unter den Einheimischen ist er natürlich bekannt und eine
wahre Legende, sodass sich sogar Kinder mit ihm ablichten lassen. Nach dem Spiel und einer Mahlzeit ging es wieder zurück in die Hauptstadt. Kurz nach 21 Uhr ist dann auch schon der Nachtzug in meine Heimatstadt Odessa abgefahren, während meine Freunde noch auf ihren Bus warteten. Für etwa 18 Euro empfehle ich aber jedem definitiv das bequeme Nachtzugfahren.




































