Mittwoch, 4. September 2019

Prykarpattia Ivano-Frankivsk - Obolon-Brovar Kyiv 0:2

Persha Liga 
Stadion Rukh
Zuschauer: 4200 (3 Gäste)


In der Nacht von Sonntag auf Montag reiste man aus Sofia in meine Heimatstadt Odessa, wo die nächsten zwei Tage verbracht wurden. Am Dienstagabend startete dann meine Tour in den Westen der Ukraine. Mit dabei war ein Fan von Shakhtar Donetsk, den ich schon über 7 Jahre kenne. Bedingt durch den Krieg in seiner Heimat, wohnt der Typ jetzt in Odessa. Unsere Tickets für den Nachtzug hatten wir in der dritten Klasse, auch Platzkart genannt. In den Wagen dieser Klasse schlafen 52 Leute in einem Waggon ohne Abteilungen.
Wie ihr euch denken könnt, sind die Tickets für einen solchen Service sehr günstig, sodass die Fahrt in das 700 km Ivano-Frankivsk nicht einmal 10 Euro gekostet hat. Eigentlich fahre ich inzwischen eigentlich nicht mehr in der dritten Klasse der ukrainischen Bahn. doch erstens hat es was von der ukrainischen Fußballfanromantik, zweitens sitzt das Geld bei meinem Kumpel selbstverständlich nicht so locker wie es in Deutschland bei 99% der Fall sein dürfte. Für die Nacht haben wir uns mit etwas Lebensmitteln eingedeckt. Zum Einstieg gab es jeweils zwei Flaschen Bier und danach für uns zwei eine Flasche Weinbrand. Trinken tut man in der Ukraine entspannt immer mit irgendeiner Kleinigkeit zum Essen, andernfalls wird man als Säufer abgestempelt und dies gilt in der Ukraine nicht als cool. Da ich es noch so aus meiner Kindheit in der Ukraine von meinem Vater kannte, wollte ich unbedingt zum Weinbrand eine Dose roten Kaviar kaufen. Dies verwirklichte ich auch, wobei der Kaviar mit einem Preis von umgerechnet 12 Euro mehr als der Weinbrand oder die Zugfahrtkarte quer durchs Land kostete. Nachdem die Flasche auch leer war, ging es auf der Station Podolsk raus aufs Gleis, wo beim fliegenden Händler zuerst spaßeshalber nach Schnaps gefragt und dann dieser sogar doch noch gekauft wurde. Übles Zeug zum Blindwerden und somit keine Kaufempfehlung… Frühs aufgewacht wusste ich damit selbstverständlich nicht mehr wie ich überhaupt ins Bett kam.
Bei der Ankunft in Ivano-Frankivsk ging es nach einem Frühstück zum Hostel MIF. Das Hostel liegt in einem Privathaus auf dessen Grundstück Ziegen frei rumlaufen. Wir dachten ja die würden noch gemelkt werde, doch der Opa machte uns weis, dass er diese tatsächlich für das Ambiente gekauft hat. Es mag ja für Westeuropa normal klingen, doch dass in der Ukraine Tiere nur für den „besonderen" Flair ohne einen echten Mehrwert gekauft werden, ist schon recht einzigartig. Bedingt durch die Lage war ich schon oft in Ivano-Frankivsk (zuletzt im April 2019) gewesen und wirklich sehenswert ist die Stadt jetzt nicht. Es hat schon seine schöne Ecken, doch diese sind recht rar. Die Kneipen-/Restaurantlandschaft ist dagegen total super und preislich nicht zu schlagen. So günstig wie hier kann man sich wohl in keiner anderen Oblast-Stadt der Ukraine den Magen vollschlagen. Nachdem wir den Rathausturm bestiegen und das Stadion Yunist angeschaut haben, setzen wir uns also für ein paar Stunden in die Kneipe GROT Underground Pub, die mir schon vor vier Jahren bei meinem ersten Besuch empfohlen wurde. Anschließend ging es zum lang ersehnten Stadion Rukh, welches im Park des ukrainischen Lyrikers Taras Shevchenko liegt. Der Ground ist durch seine Bauweise recht einzigartig und war schon ewig lang mein Ziel gewesen. Für mich ist es sogar das schönste Stadion meiner Heimat. Der Fußball wird an der Stelle zwar schon seit 1909 gekickt, doch das Stadion in seiner aktuellen Form besteht erst seit Ende der 80er Jahre. Nach seiner Fertigstellung sollte die Kapazität über 20 000 Plätze sein. Durch den Zerfall der Sowjetunion wurde es jedoch nicht mehr fertiggestellt. Es gab zwar vor der Europameisterschaft 2012 noch die Versuche die Finanzierung für die Fertigstellung zu bekommen und das Stadion als Trainingsgelände für einen der EM-Teilnehmer zu benutzen, doch es blieb beim Versuch. Den Namen „Rukh“ trägt es seit 1989. Es ist das ukrainische Wort für Bewegung und ist auf eine politische Partei zurückzuführen. Das Interessante an dieser Partei, die in der Zeit der Perestroika gegründet wurde, ist die Tatsache, dass sie zunächst Mitglieder mit allen möglichen politischen Ansichten beheimatete. Das Hauptziel der Organisation war nämlich die ukrainische Unabhängigkeit, die schließlich 1991 erreicht wurde. Der Gastgeber des heutigen Spiels ist nicht der Originalclub, sondern schon der zweite Nachfolger vom ehemaligen Spartak Ivano-Frankivsk, welcher von 1940 bis 2007 bestand. Zuerst gab es in der Zeit 2007 – 2012 den ersten Nachfolger. Seit 2016 gibt es schließlich den aktuellen Verein, welcher aus dem ehemaligen Jugendclub Teplovyk entstanden ist. Die Fans unterstützen sowohl den ersten als auch den zweiten Nachfolger ihres eigentlichen Vereins. In Ukraine herrschen nämlich andere Verhältnisse als in Deutschland und da ist man nicht unbedingt wählerisch, sondern schon glücklich, überhaupt einen Verein mit dem historischen Namen in der Stadt zu haben. In der Zeit von 2012 bis 2016 gab es nämlich überhaupt gar keinen ambitionierten Club in der Oblast-Stadt. Heutzutage melden aber die Heimspiele des Prykarpattia schon mit die besten Zuschauerzahlen in der zweiten ukrainischen Liga. Meistens kommen in Ivano-Frankivsk über 4000 ins Stadion. Die meisten von denen nehmen auf der Haupttribüne Platz, die als einzige mit Sitzschalen ausgestattet ist. Manche laufen aber sogar entspannt über die Laufbahn zu der halbfertigen Gegengerade. Diese wird dann nicht über eine normale Treppe, sondern dann lustigerweise halblegal über eine Holzleiter bestiegen. Die Kurven bleiben generell leer, wobei die eine bei einem potentiellen Andrang an auswärtigen Fans als Gästeblock verwendet werden kann. Hier sorgten die Ultras von Karpaty Lviv vor zwei Jahren für einen total geilen Auftritt... Das damalige Pokalspiel, welches Prykarpattia gegen den Erstligisten sogar gewinnen konnten, war mit den 10000 Zuschauern das Top-Spiel der letzten Jahre schlechthin. An dem heutigen Abend blieb aber der eigentliche Gästeblock geschlossen und die paar Obolon-Fans standen seitlich auf der Tribüne. Mit einer großen Zaunfahne und sogar einer Trommel waren die Drei aus Kyiv angereist, doch machten gar nicht bis kaum auf sich aufmerksam. Die Hausherren, die auf der anderen Seite der Haupttribüne mit ca. 20 Mann einen Block bildeten, waren deutlich besser drauf. Der Support war ziemlich durchgängig und für die Ukraine recht kreativ und gut gewesen. Die Heimszene verwendet übrigens auf ihren Fahnen durchgängig den historischen Namen der Stadt, der noch vor der Sowjetunion Bestand hatte, nämlich Stanislaw. Während früher eine einzige Freundschaft zu First Brovary Firm bestand, hat man sich zeitgleich mit fast allen anderen Szenen im Westen bekriegt. Aktuell besteht aber zwischen den Fanszenen der Ukraine aufgrund des Kriegs ein Friedenspakt, sodass die ganzen Konflikte erst einmal vom Tisch sind. Gegen Ende des Spiels fiel übrigens einer der vier Flutlichtmasten aus. Obwohl es noch nicht komplett dunkel gewesen ist, war das Spiel erst mal unterbrochen worden. Nach einer Weile ging zwar das Licht immer noch nicht, doch der Schiri entschied sich glücklicherweise für das Weiterspielen und das Spiel konnte noch komplett bis zum Schlusspfiff inklusive 10 Minuten Nachspielzeit zu Ende gespielt werden.
Nach dem Spiel verabredete ich mich noch im Vorfeld mit dem Capo der Ultras, um sich etwas über den Verein und das Fan-Dasein im ukrainischen Westen auszutauschen. Mit zwei weiteren einheimischen Typen aus der Fanszene ging es dann gemeinsam in die Kneipe Desiatka, wo wir uns noch in den späten Abend hinein bei Bier und Kurzen lustige Storys über die Auswärtsfahrten etc. anhörten. 


Text/Fotos: Шаффи