Samstag, 3. November 2018

Shakhtar Donetsk - Dynamo Kyiv 2:1

Premier Liga
OSK Metalist
Zuschauer: 17 125 (580 Gäste)

Nach dem gescheiterten ersten Spiel in Vysoky, einem Vorort von Kharkiv, lenkten wir die Karre wieder zurück in die Stadt zum Stadion OSK Metalist. Durch die Spielabsage waren wir deswegen recht früh dran, doch es war schon etwas los im Stadionumfeld. Von außen macht das OSK Metalist, das für die Europameisterschaft 2012 erheblich modernisiert wurde doch was her. Draußen sind noch die alten sowjetischen Kassenhäuschen und Eingang erhalten geblieben. Zudem machen die riesigen blauen Pylonen, welche für die Tribünenüberdachung nötig waren, die Außenfassade einzigartig. Das Stadion hat sich durch den Umbau stark verändert, doch man kann nicht von einem typischen seelenlosen Neubau sprechen.
Viele erfolgreiche Spiele durften hier die Fans des inzwischen aufgelösten FK Metalist erlebt haben. 2011-2013 war eine besonders schöne Zeit für den Verein. Zuerst kam man mit bescheidenen Transfers bis ins Viertelfinale des UEFA Cups und im Jahr 2013 konnte man sogar den zweiten Platz der einheimischen Liga klarmachen. Das hieß noch einen herben Rückschlag für den Rekordmeister Dynamo Kiew, der sich zum ersten Mal seit der ukrainischen Unabhängigkeit mit dem dritten Tabellenplatz zufrieden geben musste. Kurz davor wurde Metalist völlig überraschend an einen Unbekannten namens Kurchenko verkauft. Gerüchten zufolge hatte der Ex-Vereinsbesitzer Yaroslavskiy auch keine andere Wahl als der Marionette des damaligen Regimes den Verein zu verkaufen. Mit der Revolution 2013-2014 und dem daraus entstandenen Machtwechsel waren die Tage von Metalist aber gezählt... Im Juni 2016 war das endgültige Ende vom Traditionsclub. Die Fanszene gründete gleich darauf Metalist 1925, der inzwischen sogar um den Aufstieg in die Premier Liga kämpft. Eigentlich hätte ich gerne ein Spiel dieses Vereins hier gesehen, aber der ukrainische Klassiker ließ mich doch nicht lange überlegen. Letztes Jahr ist Shakhtar, der seit 2014 nicht mehr in Donetsk spielen kann, aus Lviv hierhin umgezogen. Leider ist aber selbst das Spiel zwischen Dynamo und Shakhtar zumindest auf den Rängen nicht mehr das, was es war. Während das gleiche Spiel in Donetsk mit 50.000 beinahe ausverkauft wäre, kamen an diesem Abend in der ersten Hauptstadt (Kharkiv) lediglich 17.000. Aber selbst in Kyiv (Kiew) leidet die Zuschauerzahl an dem Krieg und dem aktuellen Desinteresse der Bevölkerung an Fußball. Dennoch bleibt es das wichtigste Spiel des Landes, da seit der Jahrtausendwende die beiden Teams als einzige um die Meisterschaft kämpfen. Durch den Vorlauf von Dynamo in den 90ern, ist der Hauptstadtclub mit 15 Titeln immer noch der Rekordmeister. Shakhtar ist ihnen aber mit 11 Titeln schon auf den Fersen und wird bei der Tendenz der letzten 10 Jahren schon bald ihre Gegner überholen. Seit 5 Ligaspielen konnte der amtierende Meister aber nicht mehr gegen Dynamo gewinnen, was natürlich in Kyiv ordentlich für Spott sorgt. Ironischerweise ging es Dynamo aber bei der Meisterschaft 2013/14 genau so. Das heutige Spiel war insofern wichtig, weil Dynamo bei einem Sieg den Rückstand auf die Tabellenspitze auf 2 Punkte verkürzt hätte. Die Gäste begannen auch recht fleißig und gingen kurz vor der Pause in Führung. Nach der Pause war Shakhtar sehr motiviert: Zuerst konnte man ausgleichen und in der Nachspielzeit sogar noch den Siegestreffer erzielen! Vom Support her war das Spiel im Großen und Ganzen nichts, wofür man in die Ukraine reisen sollte. Die Shakhtar-Szene hat zwar ein paar gute Lieder und hatte ohne größere Pausen ganz gute Mitmachquoten erreicht, aber bei der übersichtlichen Anzahl der Ultras war die Lautstärke nicht gut genug. Die Gründe für den kleinen Heimblock liegen auf der Hand: Die Donetsker Bevölkerung ist mit dem Beginn des Kriegs zahlreich aus der Heimat geflohen und lebt völlig zerstreut im Land. Während in Deutschland ein Umzug selbstverständlich ist, ist es in der Ukraine noch komplett was anderes in eine Stadt am anderen Ende des Landes umzuziehen. Bei den Umständen mit der Zerstreuung der Leute kommt auch noch der Generationswechsel der Fanszene, welcher in der Ukraine ziemlich oft stattfindet, dazu. Da ich von den Gästen auch mehr als von Heimfans erwartet hätte, fand ich Dynamo supporttechnisch aufgrund der vielen langen Pausen eigentlich noch enttäuschender. Die Dynamo-Fans wurde heute natürlich massenhaft von ihren Freunden aus Dnipro unterstützt. Das ausgefallene Spiel des FK Dnipro, das am selben Tag bei Kharkiv stattfinden sollte, wurde im vorherigen Bericht beschrieben. Trotz des schwachen Supports wurden wir heute dennoch noch mit Pyroshows beglückt. Dynamo lieferte sowohl in der ersten als auch gegen Ende der zweiten Halbzeit eine größere Pyroshow. Shakhtar fackelte auch einiges nach dem Ausgleich an Breslauern und Rauchbomben ab. Nach dem Spiel verabschiedete ich mich von den beiden Republikflüchtlingen, die sich mit dem Mietauto nach Kyiv aufmachten. Zwar war noch am nächsten Tag ein gemeinsamer Doppler geplant, doch ich buchte mir lieber den Nachtzug in die Hauptstadt. Es stand nämlich wieder ein Treffen mit den Shakhtar-Leuten auf meinem Programm und der Zug ist erst kurz nach 22 Uhr gefahren. Somit hatte ich genügend Zeit, um noch mit alten Bekannten zu quatschen und eine Flasche Weinbrand für umgerechnet 4 Euro leer zu machen. 

Text/Fotos: Шаффи

Zum Doppler in Kyiv - Teil 1