Mittwoch, 2. Oktober 2019

Zenit Sankt Petersburg - SL Benfica 3:1

UEFA Champions League
Saint Petersburg Stadion
Zuschauer: 51 683 (ca. 50 Gäste)

Aktuell läuft ein Projekt meines Arbeitgebers in Russland bzw. Sankt Petersburg an. Ich sollte ein Training für die Projektteilnehmer halten und die Veranstaltung war auch noch Vorort geplant, sodass ich mich natürlich gleich nach dem Fußball umschaute. Nachdem der Termin für die erste Oktober-Woche festgelegt wurde, ließ ich meinen Rückflug nicht aus Sankt Petersburg, sondern am Montag aus Moskau buchen. Damit stand zumindest für das Wochenende das Programm in Moskau mehr oder weniger. Doch diese Woche hatte noch mehr Potential, da ausgerechnet da der zweite Spieltag der Champions League anstand. Somit war ich so heiß wie noch nie auf die Champions League Auslosung bzw. ihren Spielplan.
Von Gegnern her gab es zwar nichts Spektakuläres für Zenit, doch dafür passte der Spielplan perfekt. Für Mittwoch wurde nämlich das Spiel des fünffachen russischen Meisters gegen den portugiesischen Rekordmeister Benfica terminiert.
Schon am Dienstag war ich der zweitgrößten Stadt angekommen. Nach dem kurzen Besuch auf der Arbeit schaute ich mir soweit es ging bis Mitternacht die Innenstadt der ehemaligen Hauptstadt an. Mein erster Eindruck bestätigte die Schönheit von Sankt Petersburg, sodass ich unbedingt noch die Stadt expliziter kennenlernen will. Die Anzahl der Sehenswürdigkeiten, Palais und Museen ist hier so gigantisch, dass selbst eine Woche zu wenig kommen könnte. Aber Hauptsache das geplante Sightseeing findet im Sommer statt, denn erstens ist das Wetter in Sankt Petersburg zu anderen Jahreszeiten meist grauslich und zweitens bekommt durch die berühmten Weißen Nächte eine Möglichkeit die Stadt über die ganze Nacht bei Lichtverhältnissen wie an einem späten Nachtmittag zu genießen. In Tallinn habe ich es in diesem Sommer bereits ordentlich genossen gehabt. Meine Arbeit habe ich um pünktlich 18 Uhr beendet, war aber aufgrund der Entfernungen und dem Verkehr erst nach 19 Uhr im Hotel, welches im Zentrum gelegen war angekommen. Schnell umgezogen ging es wieder raus in Freie. Zum Glück war das Spiel erst auf 22 Uhr terminiert worden, sodass ich auf dem Weg zum Stadion noch zum Abend essen konnte. Da es dennoch schnell gehen sollte, wählte ich mir eine Pelmenya aus. Das ist eine russische Restaurantkette, die sich ausschließlich auf allen Arten der Teigtaschen spezialisiert. Der Name ist auf die kultigen sibirischen Teigtaschen namens Pelmeni zurückzuführen. Der Laden bietet aber nicht nur diese, sondern alle möglichen internationale Variationen, wie z.B. die ukrainischen Vareniki, georgischen Khinkali oder sogar die deutschen Maultaschen, an. Nicht mal vier Euro kostete mir die Portion mit 15 Pelmeni, die ich in gefühlt 5 Minuten runterschluckte. Anschließend marschierte zur U-Bahn der grünen Linie, die mich zur Station Novokrestovskaya auf der Krestovsky Insel brachte. Dies ist die nächstgelegene Station zum Stadion, dennoch läuft man noch ordentlich um das Stadion herum bis man an den Eingängen ankommt. Hier wird alles kleinlich handgehabt. Schon gleich wird man vorgewarnt, dass keine einzelne Tasche, nicht mal eine Plastiktüte mit ins Stadion darf. Nach der Ticketkontrolle stehen noch Metalldetektoren mit den extrem peniblen Securities. Nun war ich endlich auf dem Gelände der Arena. An dieser Stelle stand bis 2006 das Stadion, das nach dem sowjetischen Parteifunktionär Sergei Kirov benannt war. Es war das zweitgrößte Stadion des Landes und über 40 Jahre lang (1950 - 1989, 1992 und 1995) die Heimat des Zenits. Nachdem es abgerissen wurde, begannen hier 2007 die Arbeiten am neuen Stadion. Der Bau dieses dauerte fast 10 Jahre und kostete dem Staat fast eine Milliarde Euro. Nicht nur von der Kapazität (ca. 62 000 Plätze) her, sondern auch funktional mit dem schließbaren Dach und dem ausfahrbaren Spielfeld ähnelt es verdammt der Arena auf Schalke. Obwohl die Arena schon seit zwei Jahren steht, sollte an diesem Tage überhaupt das erste Champions League Spiel hier stattfinden. Zenit war die letzten Jahre eigentlich schon immer erfolgreich, doch seit 2017 klappte es gleich in zwei aufeinander folgenden Saisons nicht mit einem der zwei russischen Champions League Plätzen. Mit dem Meistertitel in der vergangenen Spielzeit war der Club damit schon direkt für die Gruppenphase qualifiziert. Die Fankurve, bei Zenit als „Virazh“ bekannt, bereitete für dieses historische Spiel eine gut gemalte Blockfahne, die drei Engel zeigte. Dies ist auf eine Stadtlegende zurückzuführen: Die Nordhauptstadt wird es geben solange sie von den drei Engel, die auf drei wichtigen Sehenswürdigkeiten stehen, bewahrt wird. Über die Blockfahne wurde ein glitzerndes Vereinslogo der sogenannte Zenit-Pfeil hochgezogen. Am Zaun hing die ganzen 90 Minuten das Spruchband „Glänze, blühe, der großartige Club“. Trotz des großen Spiels wurde wie erwartet auf jegliche Pyrotechnik verzichtet. In dem Land wird ja jede Kleinigkeit extrem verfolgt, geschweige denn die Fans versuchen irgendwas mit Pyro zu machen… Vom Support her ist der Virazh aber doch eine wirklich einzigartige Kurve. Zu 90% hat man einen komplett eigenen Stil, den sonst niemand anderer fährt. Sankt Petersburg bzw. Leningrad zur gilt als die Wiege der sowjetischen Rocks. Darauf ist man hier sehr stolz, sodass man es auch in die Fankultur einfließen ließ. So hat Virazh sehr viele umgedichtete Rocklieder in ihrem Repertoire. Manches lässt sich natürlich nicht einfach singen bzw. kommt nicht so bombastisch rüber, auch mehrere Trompeten in der Kurve sind nicht unbedingt ein Ultras-Ding, doch die Kurve zieht es schon sein mehreren Jahren so durch und dafür verdient sie schon ihren Respekt. Obwohl ich politisch mit der Fanszene rein gar nichts anfangen kann, gefällt mir der Supportstil schon sehr, wobei es zumindest von Videos her im Ex-Stadion Petrovskiy deutlich besser rüberkam.
Nachdem das Spiel gegen Mitternacht abgepfiffen wurde, ging es schnellen Schrittes zu der Metro-Station Krestovskiy Ostrov. Diese liegt zwar etwas weiter weg als die jeweilige von der Hinfahrt, soll aber nach Aussagen der Einheimischen nicht so überlaufen sein. Aufgrund des Spiels wurde die Öffnungszeit der Metro übrigens bis 1 Uhr verlängert, sodass ich noch gut zum Hotel kommen konnte.

Text/Fotos: Шаффи