FNL
Stadion im. Eduarda Streltsova
Zuschauer: 2014 (ca. 200 Gäste)
Im letzten Bericht habe ich nicht erwähnt , dass Slava, mit dem ich das Spiel in Lyubertsy gemacht habe, nicht nur der Frontmann der Musikband Clockwork Times – CWT ist, sondern auch noch ein Teil der Torpedo-Szene.Spätestens seit der 44. Ausgabe der BFU, bei der pünktlich zur WM 2018 ein Russland-Spezial erschienen ist, ist der Verein und seine Fanszene auch in Deutschland bekannt geworden. Torpedo, welches ursprünglich ein Werksverein des Autoherstellers ZIL war, ist zwar schon lang nicht mehr wirklich erfolgreich und auch die Fangemeinde ist nicht mit derer der großen Moskauer Clubs zu vergleichen, doch die Schwarz-Weißen haben definitiv eine eigene Identität und werden von vielen im russischen Lande respektiert. Ich wollte schon länger unbedingt ein Heimspiel des Vereins besuchen und nun, wo das jetzige Stadion die letzten Monate noch steht, sollte es soweit sein. Offiziell ist nämlich nur die Haupttribüne geöffnet, sodass ich mich schon im Vorfeld über Slava akkreditieren ließ. Am Stadioneingang steht erst mal die Statue von Eduard Streltsov, einer Vereinslegende, zu Ehren dessen das aktuelle Stadion benannt ist. Technisch war Eduard, der seine Profikarriere 1954 bis 1970 mit einer siebenjährigen Unterbrechung bei Torpedo verbrachte, war ein echtes Fußballgenie. Er hätte bestimmt noch viel mehr erreicht, wenn nicht der 25. Mai 1958 gewesen wäre... An diesem Tag soll Eduard eine Frau vergewaltigt haben, wodurch er zu 12 Jahren Haft verurteilt wurde. Viele glauben daran bis heute nicht, sodass eine Theorie für den Gerichtsprozess als eine Racheaktion seitens der Parteiführung besteht. Selbst nachdem Streltsov nach fünf Jahren vorzeitig entlassen wurde, durfte er nicht für die Profimannschaft von Torpedo auflaufen. Nachdem 1964 Brezhnev Generalsekretär der KPdSU geworden ist und genug Parteimitglieder sich für Streltsov eingesetzt haben, erlaubte das sowjetische Staatsoberhaupt ihm die Rückkehr in den Profifußball. Im selben Jahr, nämlich 1965, ist Torpedo zum zweiten Mal in der Vereinsgeschichte sowjetischer Meister geworden. Obwohl Streltsov weiterhin hervorragend spielte, konnte er an die genialen Leistungen vor dem Gefängnis nicht mehr anknüpfen. 1990 ist die sowjetische Legende im Alter von 53 Jahre verstorben, doch bis heute ist Eduard die Vergewaltigungsvorwürfe offiziell nicht losgeworden. Nächstes Jahr soll im Gedenken an ihn ein Drama über sein Leben im Kino erscheinen. Wenn man vom Eingang weiter zum Stadion läuft, geht sowohl links als auch rechts von der Gegengerade jeweils eine Treppe hinunter. Die Wände drum herum sind mit vielen schönen Graffitis, welche die Vereinslegenden abbilden, geschmückt. Bei Torpedo bezeichnet man den Ort als die “Treppen der Ehre”. Leider werden spätestens mit dem Stadionabriss, der für diesen Winter bereits ansteht, die Malereien erst einmal verschwinden. Von den fünf großen Traditionsvereinen ist Torpedo der letzte Club mit einem alten Stadion gewesen. Der neue Besitzer von Torpedo ist recht ambitioniert und meint es zumindest in Worten gut mit dem Verein. So will er in der Winterpause mit dem Abriss und der Errichtung einer neuen Arena mit einem Fassungsvermögen von 15000 Plätzen starten. Drumherum sollen noch Häuser und Büros erbaut werden, was bei der guten Lage und den hohen Wohnpreisen in Moskau natürlich Gold wert ist. Den Fans bleibt aber auch nichts anderes übrig, als seinen Absichten zu vertrauen. Seit Ende der 1990er mussten die Anhänger der ehemaligen Werksmannschaft schwere Zeiten durchmachen. 1996 verkaufte der traditionelle Sponsor, das Autowerk ZIL,den Verein an Luzhniki, wodurch aus dem Verein Torpedo-Luzhniki geworden ist. Dieser Verein hatte zwar die nächsten Jahre Erfolg, wurde aber nicht von allen Fans akzeptiert. Manche unterstützten währenddessen den neuen Verein Torpedo-ZIL, der wiederum 1997 vom ZIL-Werk gegründet wurde. Doch damit war es auch noch nicht genug, denn 2003 wurde Torpedo-ZIL zunächst in Torpedo-Metalurg und dann durch seine neue Besitzer in FK Moskau unbenannt. Das Werk gründete darauf 2005 wieder eine eigene Mannschaft mit dem Namen “Torpedo-ZIL”, die bis 2010 bestand. Die Fans waren in der Zeit hin und her gerissen... Für die einen war der historische Verein, jedoch mit den “fremden” Sponsoren ihr Club gewesen, die anderen haben nur eine Mannschaft des Autowerkes “ZIL” als echt angesehen. Der einzige Verein, der heute noch besteht, ist der Originalclub, der einst zum Torpedo-Luzhniki wurde. Dieser hat vieles durchgemacht und ist sogar 2009 für eine Saison komplett in den Amateurfußball abgerutscht. Im September 2017 übernahm Roman Avdeev, der aktuelle Besitzer, den Verein. Er bemühte sich damals auch gleich, dass der damalige Drittligist Torpedo ins eigene Stadion zurückkehren konnte. Letzte Saison sind die Schwarz-Weißen Meister in der PFL geworden und seit der laufenden Saison in der zweiten Liga vertreten. Aktuell ist der Club dort sogar Tabellenerster, sodass man gute Chancen nach fünf Jahren auf die Rückkehr in die Premier Liga hat. Unklar ist bislang, wo während dem Stadionumbau gespielt werden soll. Im Gespräch ist zumindest Ramenskoye und Khimki. Dies war auch der Hauptgrund, warum viele der Heimspiele dieser Saison bereits in der Hinrunde absolviert werden konnten/durften. Torpedos Fanszene steht im Block 5 der Haupttribüne, die auch als Westtribüne bekannt ist. Die führende Gruppe heißt deswegen ganz einfach Zapad-5 (West-5). Gute Kontakte hatte man schon immer zu Spartak Moskau gehabt, während andere Stadtvereine, vor allem Lokomotiv, als Rivalen gesehen werden. Zu Spartak ist es aber auch eher eine traditionelle, noch sowjetische Fanfreundschaft als eine feste Ultra-Beziehung (was für ein Wort?!). Sonst besteht noch eine sogenannte Torpedo-Bruderschaft mit den Szenen der anderen Torpedo-Clubs in Zhodino, Minsk (beide Belarus) und Vladimir (Russland). Die Stimmung seitens der Torpedony (Spitzname der Fans) hat mir eigentlich recht gut gefallen. Für russische Verhältnisse, wo noch schlimmer als in Deutschland überall dasselbe angestimmt wird, war der Support doch etwas kreativ und abwechslungsreich. Nach dem Spiel gab es auch eher untypisch für Russland einen Wechselgesang mit der Mannschaft. Aus dem 270 km entfernten Yaroslavl sind gute zwei Hundert Schlachtenbummler mit 9 Zaunfahnen in der Hauptstadt erschienen. Diese waren nicht so fleißig durchgehend am Supporten wie die Hausherren, jedoch war selbst ihr Auftritt schon in Ordnung gewesen. Mir ging es eigentlich einfach nur um den Besuch bei Torpedo, sodass ich schon allgemein glücklich war. Egal, wie das neue Stadion auch aussehen mag, aber man kennt es ja… das Ambiente wird bestimmt nicht mehr so idyllisch sein. Nach dem Schlusspfiff traf ich mich wieder kurz mit Slava, der mich dann noch zur U-Bahn Station begleitete und sogar noch die 25. und damit die letzte Ausgabe des Torpedo-Fanzines Bulldog (erschienen 1996 bis 2011) verschenkte. Большое спасибо за всё! Bevor es für mich nach dem langen Tag in die Kiste ging, schaute ich noch in der Innenstadt und dem neuerbauten Park Zaryadye vorbei.






























