Samstag, 25. Juli 2020

HNK Rijeka - NK Istra 1961 4:2

1.HNL
Stadion Rujevica
Zuschauer: keine

Wie auch schon im letzten Jahr führte mich mein Tochter-Vater-Urlaub nach Kroatien. Fixpunkt war das letzte Saisonspiel von Rijeka, so wurden 4 Tage in Europas Kulturhauptstadt 2020, als Auftakt, geplant. Normalerweise ist Kroatien eine der ersten Ligen, die im Sommer beginnen.
Doch dieses Jahr ist ja durch Corona alles anders. Es stand das letzte Spiel an. Eine Woche später sollte in Sibenik das Pokalfinale gespielt werden. Hoffnung auf ein paar Testspiele hatte ich insgeheim auch noch.
Eine Woche vor der Anreise beschloss der kroatische Fußballverband die letzten Spiele ohne Zuschauer auszutragen. Super, da jedoch der Tochter ein Strandurlaub versprochen war, blieb es bei dem Entschluss zu fahren und man stellte den Fußball erstmal hinten an. Wer mich kennt weiß natürlich, daß ich nie irgendwohin fahre ohne auch nur ein Spiel gesehen zu haben.
Irgendwann kam mir die Idee mal in einer Gruppe zu fragen, ob man das Spiel von außerhalb beobachten könnte. Sogleich wurde dieses bejaht und einige Bilder zeigten, bei einem vorherigen Geisterspiel, Zuschauer oberhalb des Heimblocks. Gut, besser als nichts, dachte ich mir.
Kurioserweise weilte ich schon eine Woche vorher in Rijeka um das legendäre Kantrida mit dem Relegationsspiel des NK Opatija zu kreuzen. Dort lernte ich glücklicherweise den Kroatenhopper Toni kennen. Das sollte mir im weiteren Verlauf meiner Reise noch gewaltig den Arsch retten und einige Spiele sichern, die ich sonst wohl nie gesehen hätte.
Kroatiens wichtigsten Seehafen erreicht man immer seltener von der traditionellen Schauseite, dem Meer. Stattdessen quält man sich über die Küstenstraße heran oder nähert sich über die Zagreber Autobahn vorbei an Industrialisierung, Vororten und Hochhaussiedlungen. Dabei hat der ehemals ungarische Seehafen eine ausgesprochen repräsentative Hafenfront mit prachtvollen Schaufassaden der Gründerzeit an der noch heute Riva genannten Hafenpromenade. Die großen Kais stammen ebenfalls bereits aus der Gründerzeit. Die kleine Altstadt mit ihrer hand voll interessanter historischer Bauten wurde 1750 nach einem verheerenden Erdbeben zum Hafen hin ausgedehnt. Das frühere Hafentor leitet jetzt zur damals neu angelegten Flanier- und Geschäftsstraße auf neu gewonnenen Terrain, dem Korzo. Rijeka ist eine lebhafte Hafenstadt, Haupthafen der Kroatischen Schifffahrtslinien, größter Ort an der nördlichen Adria, immer noch mit italienischen Nuancen und einer bedeutenden italienischen Minderheit.
Frühmorgens kamen wir in Rijeka an und checkten, nach längerer Wartezeit in einem Cafe, erstmal in unser zentral gelegenes Zimmer ein. Nun stand die Besichtigung der wohl größten Sehenswürdigkeit nach dem Kantrida an, das Trsat Castle. Der Weg dorthin, über steile Treppen war bei drückender Hitze wahrlich kein Zuckerschlecken. Von oben entschädigte der geniale Blick über Rijeka und die Kvarner Bucht für den vergossenen Schweiß.
Danach gingen wir in einem sehr guten Restaurant essen, man sollte halt immer auf ein volles Restaurant achten, wenn möglich überwiegend mit Einheimischen gefüllt. Während die Tochter Cevapi bestellte, gönnte ich mir einen Fischteller mit Polenta.
Nun war es Zeit Richtung Stadion aufzubrechen, davor wurde in einem Supermarkt noch Getränke und Snacks besorgt. Mit einem Taxi fuhren wir zum etwas außerhalb gelegenen Stadion Rujevica.
Am 15. September 2014 begannen die Arbeiten für das Stadion Rujevica und dem dazugehörigen Trainingszentrum. Es soll bis zur Fertigstellung des Neubaus des Stadion Kantrida übergangsweise als Spielstätte des HNK Rijeka dienen. Also wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit ;-)
Sollte das neue Kantrida jemals fertig werden, soll das Rujevica weiter als Trainingsstätte und Spielstätte für die unteren Mannschaften dienen. Eröffnet wurde es am 28.Juli 2015. Größtenteils besteht es aus Stahlrohrtribünen, vor allem der Gästeblock, welcher komplett eingezäunt ist, lässt den Stadionliebhaber erschaudern.
Da uns der Taxifahrer am Haupttor rausschmiss, mussten wir etwas laufen. Ein entgegenkommender Balljunge bestätigte uns die richtige Richtung und die Möglichkeit das Spiel von außen zu schauen.
Etwas umständlich und durch Gebüsche kamen wir endlich auf dem Berg hinter der Heimtribüne an. Bisher waren nur eine Handvoll Fans anwesend. Diese meinten wir sollten uns etwas höher stellen, da später die „Rowdies“ kommen und den Zaun in Beschlag nehmen würden. Auf die Frage ob sie auch von der „Armada“ seien, nickten sie. Glaube jeder Fan den man in Rijeka fragt ist Armada und keiner würde etwas anderes sagen. So tief verwurzelt ist diese Ultras-Gruppe in ihrer Stadt.
Diese wurde 1987 in einer Bar im Einkaufszentrum „Ri“ in Rijeka gegründet. Das erste Spiel, an dem die Armada teilnahm, war das Finale des jugoslawischen Fußballpokals gegen Hajduk Split in Belgrad am 9.Mai 1987.
Man benannte sich aufgrund der Stärke, die sie in ihrem Support zeigten, nach der spanischen Armada. Ihre größten Rivalen sind die Bad Blue Boys (Zagreb), Torcida (Split) und die Kohorte (Osijek).
Ebenso unterstützt man auch andere Sportvereine von Rijeka wie RK Zamet (Handball), Primorje EB (Wasserball) und KK Kvarner 2010 (Basketball).
Ihr Motto ist: „Sami protiv svih“ – Allein gegen alle und „Krepat, ma ne molat“ – Stirb, aber gib nie auf. Das Symbol der Gruppe ist ein Hai.
Im Vorfeld machte ich mir keine großen Gedanken wie viele Leute den hier aufschlagen würden. Insgeheim rechnete ich mit etwa 50 Personen.
Von weitem hörte man nun Trommeln und Gesänge und von unten bahnte sich ein Corteo der Armada den Weg hinauf zum Stadion. Diszipliniert ging man nach hinten durch, sodass auch die nachrückenden ohne Probleme an den Zaun konnten. Je kürzer die Zeit zum Spiel wurde, desto mehr Leute kamen nun hier rauf und wir waren froh etwas oberhalb zu stehen. Übrigens störte sich keiner an dem deutschen Vater-Tochter-Gespann. Später wurden wir noch von älteren Armada-Leuten angesprochen und die freuten sich über den Besuch aus Deutschland. Sogar auf ein Getränk in eine Bar wurden wir von ihnen, nach dem Spiel, eingeladen.
Hier können sich mal die meisten deutschen Ultra-Gruppen eine Scheibe abschneiden. Aber hierzulande ist man halt definitiv etwas unentspannt.
Übrigens hatte man eine Top-Sicht auf das Spielfeld. Ich habe schon in einigen Stadien schlechtere Sicht gehabt und dafür auch noch ordentlich Geld ausgegeben. Als Beispiel sei da mal Freiburg genannt.
Letztendlich dürften etwa 400 Leute am Zaun gestanden haben. Schon zu Beginn gab es etwas Pyro und supportet wurde auch ordentlich. Das war für ein Geisterspiel schon echt top und hat mir echt gefallen. Auch meine Tochter legte ihr Buch weg und war interessiert, was normalerweise beim Fußball selten der Fall ist
Auf dem Feld legte Rijeka los wie die Feuerwehr und ging 4:0 in Führung, wobei alle Tore Antonio Colak erzielte. In der ersten Halbzeit gelang ihm sogar ein lupenreiner Hattrick. Somit sicherte er sich mit 20 Saisontreffern die Torjägerkanone und Rijeka einen Platz im UEFA-Cup, was von der Armada auch besungen wurde. Mittlerweile ist der Wettbewerb ja leider zur Europa-League aufgebläht worden.
Nach jedem Tor wurden Pyro und Böller gezündet. Trotz anfänglichem Erschrecken war meine Tochter richtig begeistert von dem ganzen Drumherum hier und beobachtet auch das Spiel interessiert. So langsam scheint meine Saat aufzugehen. Sie meinte das es hier echt super war und besser als in Deutschland, da sei Fußball langweilig. Zumindest hinsichtlich des Profibereiches kann ich ihr da nur Recht geben.
Nach dem Schlusspfiff wurde die Mannschaft noch gefeiert, während die deutschen Heinze langsam von dannen trotteten, diesmal auf dem kürzeren Weg. Auch das bestellte Taxi traf zeitnah ein, so dass wir den Abend noch in einer Bar ausklingen ließen.
War ein Super-Erlebnis und nun habe ich auch endlich mal ein Geisterspiel von außen verfolgt. Mein Ziel ist es ja Fußball live in allen Varianten zu sehen. Das nächste Ziel ist mal ein Geisterspiel im Stadion verfolgen zu können.
Ob mir das vielleicht schon auf dieser Tour gelingt, werdet ihr in den weiteren Berichten erfahren.
Die letzten Tage in Rijeka verbrachten wir tagsüber am Strand. Den Sablicevo Beach kann ich uneingeschränkt empfehlen. Trotz der Lage neben dem Industriehafen, war das Wasser sauber. Eine Steintreppe führte hinunter zum teils kristallblauen Wasser. Abends ließen wir es uns in den Restaurants und Bars der Stadt gut gehen, bevor es Mittwochs nach Sibenik ging.

Text/Fotos: Pressi