Stadion Ludowy
Zuschauer: 4415 (ca. 10 Gäste)
Etwas weniger als eine Stunde vor Spielbeginn waren wir am Stadion Ludowy in Sosnowiec angekommen. Für die zweithöchste Liga Polens eigentlich mehr als genug Zeit, doch das sollte heute bei den Aufstiegschancen nicht der Fall sein… Die Karten wurden noch ohne großes Anstehen besorgt, wobei wir leider keine mehr für die Haupttribüne, sondern nur noch auf der Gegengerade, wo sich auch der Heimblock befindet, welche bekamen. Dann wurde zum Eingang an die Gegengerade marschiert, wo sich schon riesigen Menschenmengen an den wenigen Eingängen versammelten. Zeitgleich kam ein Mob der Einheimischen mit Gesängen vorbei und posierte an der Treppe gegenüber dem Eingang für ein Foto.
Vorwärts ging es in der Schlange aber nur sehr langsam voran. Ein paar Mal kam die Hoffnung auf, dass ein weiteres Tor aufgemacht wird, doch dieses blieb verschlossen bzw. in der Hand einiger Hools, die sich dort versammelten und nur bestimmte Leute durch das Drehkreuz passieren ließen. Obwohl ich über eine halbe Stunde vor Anpfiff mich in der Schlange anstellte, war ich nicht zum Spielbeginn drin gewesen. Einfach unglaublich wie lahm das Ganze ablief. Auf extremste Weise war ich gestresst, doch mein Anstand ließ es leider nicht zu, mich vorzudrängeln. Erst nach einer Viertelstunde waren wir dann schließlich drin gewesen.
Gleich nach dem Eingang sammelten die Kibice fleißig Geld für die Choreo im anstehenden letzten Saisonspiel gegen GKS Tychy. Die Zuschauerzahl von 4415 mag zwar bei der offiziellen Kapazität von 7500 klein wirken, doch drin schaute es schon wirklich stark ausgelastet aus. So gut besucht war das Stadion Ludowy das letzte Mal im Pokalderby gegen Górnik Zabrze im August 2015. Normal kommen hier nämlich gerade mal im Schnitt 2000 Zuschauer. Das heutige Spiel war aber vom Gegner her eher uninteressant. Die Freunde von Zagłębie (Stal Bielsko Biala) kommen aus der gleichen Stadt wie der Gastverein, doch Podbeskidzie hat nicht wirklich eine Fanszene, eher Normalos und ein paar Opas. Der Gastverein hat zwar eine längere Geschichte, hatte aber nie eine ernsthafte Fangruppe und spielt nur dank eines Geldsegens in der letzten Zeit oben mit. Der Grund für den Ansturm war vielmehr die Tabellensituation: Nach zehn Jahren in II und I Liga hat Zaglebie gute Chancen in die Ekstraklasa aufzusteigen. Die Fanszene und sogar die Stadt an sich gelten eher als Eigenbrötler. Somit hat man eine logische Fanfreundschaft zu Legia Warszawa, die ja auch im ganzen Land verhasst ist. Der gute Draht in die Hauptstadt ergab sich aber auch schon dadurch, dass Sosnowiec vor den Teilungen Polens nie zu Preußen, bzw. Schlesien gehörte, sondern immer polnisch war. Und obwohl heute Sosnowiec in die Wojewodschaft Schlesien eingegliedert ist, sieht man sich in keinster Weise als schlesisch. Es gibt zwar noch andere Städte, die hier ähnlich ticken, (z.B. Jastrzebie…), doch Sosnowiec ist schon ein Fall für sich. Obwohl die Stadtgrenzen zu Katowice verschwimmen, gibt es zwischen den Bewohnern Abneigung. Während die Oberschlesier sich als einfache, warschaufeindliche, Dialekt sprechende Arbeiter sehen, wird in Sosnowiec reines Polnisch gesprochen und es besteht große Zuneigung zu Warschau. Der Vereinsname Zagłębie, das als „Revier“ übersetzt werden kann, steht übrigens vordergründig für dieses Gebiet in Schlesien, wo sich Sosnowiec als Hauptstadt befindet. Die Stadt ist ein krasses Loch, wo sich kein gebildeter Mensch aus einer anderen Ecke Polens grundlos zu blicken traut. So waren auch im Stadion schon nicht wenige asoziale Gestalten zu sehen. Wer die Familie Ritter aus Köthen von sterntv kennt, der weiß was für eine Art von Leuten gemeint ist. Vielleicht aber schon durch die ganzen Umstände hat Zaglebie eine relativ interessante Fanszene. Die Szene ist noch sehr oldschoolmäßig ausgerichtet und die Hooligans haben hier klar das Sagen. Nicht zufällig nennt sich die Gruppe ihrer Freunde von Stal auch „no ultra“. Der Fanblock ist noch wie bei vielen polnischen Fanszenen früher auf der Gegengerade positioniert. Der harte Kern von ca. 600 Mann Stärke war ohne größere Pause am supporten. Auch die Freunde (Legia Warszawa, Czuwaj Przemysl, Olimpia Elbag und Stal Bielsko-Biala) wurden nacheinander gegrüßt. In der zweiten Halbzeit konnte öfter fast die ganze Gegengerade mitgerissen werden. Der Wechselgesang mit der Haupttribüne oder der Klassiker „O Zagłębie, o Sosnowiec“ waren schon herrlich! Die großen Zaunfahnen waren wieder einmal schön anzusehen, vor allem die mittig hängende „Fighting Club“ ein echter Hingucker!
Kurz vor Ende des Spiels traf ich noch auf einen Hopper aus Hannover. Nach einer kurzen Unterhaltung wurden wir von einem etwa 40 jährigen Polen angelabert, woher wir denn kommen und wie wir hier in Sosnowiec gelandet sind. Nachdem er „lepsza atmosfera niz w Niemczech“ (bessere Stimmung als in Deutschland) hörte, wollte er uns unbedingt auf ein Bier einladen. Und auch wenn ich wenig Lust auf einen Spaziergang durch Sosnowiec hatte und den Typen etwas komisch fand, lehnt man ja bekanntlich solche Angebote von Einheimischen ungern ab. Auf dem kurzen Weg in die Kneipe, bei dem sich uns noch zwei Kollegen des Hannoveraners anschlossen, erwähnte der Pole gleich mehrmals, dass er Hanysy (Bezeichnung der Ureinwohner Schlesiens) und Deutsche hasst. Die Ursache dafür: Sein Opa sei nämlich während dem Zweiten Weltkrieg von Deutschen erschossen worden. In der Bar bestätigte sich die Seltsamkeit unseren neuen Bekannten: Zuerst durften wir das Bier uns selbst kaufen, was an sich ja nicht schlimm war, aber er ursprünglich anders kommunizierte. Anschließend verbrachte man dann auch nur noch fünf Minuten an einem Tisch: Nachdem er und sein Kumpel noch Fotos mit uns geschossen hatten, musste der Pole schon zum Bus. Wir verbrachten in der Kneipe noch etwas Zeit und bestiegen zwei Taxis nach Katowice, wo jeder von uns noch einen guten und manche langen Abend im Nachtleben der Stadt verbrachte.




















