Mittwoch, 2. Mai 2018

Arka Gdynia - CWKS Legia Warszawa 1:2

Puchar Polski (Polnischer Pokal)
Stadion Narodowy
Zuschauer: 47 037 (ca. 29 000 Legia, ca. 12 000 Arka)

In meinen Augen ist das polnische Pokalfinale in den letzten Jahren fanmäßig zum Saisonhighlight des ganzen Kontinents geworden. Seit 2014 wird es nun im größten Stadion des Landes, dem Stadion Narodowy, ausgetragen. Das Stadion steht eigentlich sinnbildhaft für den starken Wandel, den man in Polen miterlebt. Lange Zeit stand an derselben Stelle die immer mehr verfallende Schüssel des Stadion Dziesięciolecia auf dessen Gelände während der 90er Jahre bis 2008 (dem Beginn des Neubaus) der „Jarmark Europa“ stattfand. Einer der größten Basare in Mitteleuropa, wo es (gefälschte) Kleidung, Zigaretten, Autoteile und kleinere Waffen für billiges Geld zu kaufen gab. Diese Märkte sind in Polen immer mehr verschwunden und stattdessen entstehen überall Einkaufszentren. Für mich als großen Liebhaber der polnischen Fankultur war das Finale natürlich immer reizvoll und nun sollte es 2018 für mich soweit sein.

Um das Hauptziel meiner Reise wurde natürlich eine größere Tour gebaut. Dadurch, dass das Finale immer auf den 2. Mai gelegt wird, ist es nochmal mit dem Brückentag, dem Ersten Mai, ganz praktisch gewesen. Die übrigen Spiele der Tour werden noch ausgiebig beschrieben, beginnen möchte ich aber dennoch mit dem Finale. Los geht’s! 
Den Vormittag verbrachte ich mit den Osnabrücker Kollegen im Museum des Warschauer Aufstandes und in der Altstadt, die zwar nach dem Krieg wiederaufgebaut wurde, dennoch seltsamerweise dem Weltkulturerbe angehört. In der Stadt erinnerte nichts an das bevorstehende Finale, vielleicht wurden zwei, drei Leute gesichtet, aber das ist ja eigentlich wie nichts, wenn so ein großes Spiel ansteht. Im Zentrum begegneten wir auch dem polnischen Präsidenten Andrzej Duda und seiner Frau, die umzingelt von Security, Journalisten und der Bevölkerung durch die Fußgängerzone Krakowskie Przedmieście in seinen Palast begleitet wurden. Eine Tageskasse für die Tickets gab es nicht und der Versand beim Kauf im Internet war nur an eine polnische Adresse möglich. Da die beiden Osnabrücker ihre Tickets in ihr Hotel schicken lassen haben aber diese dort nicht eingetroffen waren, wollten sie schon sehr frühzeitig zum Nationalstadion, um das Kartenproblem noch zu klären. Ich hatte meine Karte zum Glück nicht in irgendein Hotel schicken lassen, sondern klärte es über einen Kumpel, dessen Freundin eine Bekanntschaft in Gliwice hat. So blieb mir der Stress erspart und ich wusste frühzeitig, dass die Karte angekommen ist. An dieser Stelle nochmal ein dziękuję bardzo! An den Stadionkassen waren wir zweieinhalb Stunden vor Anpfiff angekommen. Die Angst der beiden Kollegen war schnell gelöst und sie bekamen ihre bestellten Eintrittskarten innerhalb von einer Minute ausgedruckt. Respekt Polska! Ich kann mir ein identisches Prozedere beim DFB nur bedingt vorstellen. Zufällig bekam ich auch noch das Angebot von einem Bekannten, eine Fotoakkreditierung zu nutzen und solche Angebote sind nun wirklich nicht abzulehnen…
So betrat ich mehr als eine Stunde vor Beginn das Stadioninnere und bewegte mich zur Heimkurve. Auch wenn es ein nominales Auswärtsspiel für den zentralen Militärklub war, kann man wohl jedes Spiel in Warschau für Legia schon als Heimspiel betiteln. Es liefen schon die Vorbereitungen zur Tribünen-Show und auch die Ränge hinter dem Tor füllten sich schnell. Schon eine Stunde vor Beginn war die komplett weiß gekleidete Kurve zu 90% voll, was für Polen definitiv nicht normal ist. Damit begannen auch schon die ersten Gesänge, u.a. gegen die Gäste auf der gegenüberliegenden Seite gerichtet. Dort war die Kurve war zu dem Zeitpunkt noch bei weitem nicht so gut gefüllt, jedoch zeigten die Arkowcy sofort ihre Reaktion und schepperten ein paar Lieder gegen die verhasste Legia. Zu erwähnen ist, dass Legia, wie den meisten sicherlich bekannt sein dürfte, generell bei allen Szenen im Land auf große Unbeliebtheit stößt. Zu den Freunden der Warschauer gehören landesweit nur Zagłębie Sosnowiec, Radomiak Radom und Olimpia
Elbląg. Alles sicherlich keine schlechten, aber dennoch nicht allzu große Fangruppen, deren Clubs hauptsächlich unterklassig vertreten waren. Arka hat dagegen eine Menge polnischer Freunde heute am Start gehabt. Schon beim Aufflaggen konnte dies gut bemerkt werden. Zudem waren bei Arka im Gegensatz zu der Legia-Kurve, wo alle wie von Heimspielen gewöhnt einheitlich in weißen Shirts aufliefen, auch andere Farben vertreten. Zwei befreundete Fanszenen (Polonia Bytom und Cracovia) kristallisierten sich durch einen separaten Standort in der Kurve und rot bzw. schwarz gekleidet extrem heraus. Sonst waren noch Leute von Górnik Wałbrzych, Zagłębie Lubin, Gwardia Koszalin, Kszo Ostrowiec und Lech Poznan anwesend. Die Arka-Kurve war aber dann trotz reichlicher Unterstützung von deutlich über 1000 Mann von befreundeten Szenen schlussendlich nicht komplett voll. 
Nun war endlich der Anpfiff soweit und die Kurve der Gäste startete mit ihrer Choreo: In der Mitte des zweiten Ranges wurde eine Blockfahne mit einem Seemann am Steuer ausgerollt. Auf dem Rest der Tribüne wurden blaue und gelbe Zettel hochgehalten, sodass mit den Farben die gelben Segel und das blaue Wasser visualisiert wurden. Dazu die ganz klare Message: „Gewählte Richtung – Kurs Pokal!“ Nach dem die Blockfahne mit dem Seemann runtergezogen wurde, gab es noch eine Pyroshow im Oberrang, jedoch wurde entweder die Fahne zu früh runtergezogen oder nicht bedacht auch in der Mitte zu zünden und so schaute die pyrofreie Mitte etwas verloren aus. Die Weiße Wand wartete noch kurz ab, startete aber auch ihre Show mit der Nachricht „Ten dzień nie wygladałby tak samo“. Auf dem Oberrang und Unterrang der Kurve folgte in einer grün-rot-weißen Zettelchoreo „Bez nas“. Das Ganze kann frei in etwa so übersetzt werden wie „Was wäre denn dieser Tag ohne uns?“ Das NS aus dem „nas“ wurde mit roten Bengalos untermalt. Das Kürzel hat übrigens nichts mit dem Dritten Reich zu tun, wie sich der eine oder andere linke Verschwörungtheoretiker wohl gedacht hat. Es bezieht sich auf die Fangruppierung Nieznani Sprawcy, deren Name übersetzt heißt „Die unbekannten Täter“. Nach dem Abschluss der Choreo wurden noch im zweiten Rang weitere schicke Zaunfahnen aufgehängt. Über die polnische Fahnenkultur kann ich mich wirklich nicht genug erfreuen, aber dies Mal erspare ich euch meine Schwärmerei und den Quervergleich zu Deutschland! Mit dem anfänglichen Auftritt der beiden Kurven kam man nun in den Genuss… Mehr folgte dann noch in der ersten Hälfe. Bei Legia wurde im ersten Rang jeweils rechts und links roter bzw. grüner Rauch gezündet. Die Rauchbildung war extrem dicht und machte einen genialen Eindruck. Anschließend präsentierten die Hausherren ein Spruchband „Vor unseren Augen wird Geschichte geschrieben“, darauf wurde eine Blockfahne mit einem Riesenauge, das den Pokal schon in rot-grün-weißen Farben sieht, ausgerollt. Begleitet wurde das Ganze mit einer unglaublichen Lautstärke der Gesänge, die ich bis dato wohl noch nie so erlebt hatte. Ursprünglich hatte ich noch die Angst, dass die Akustik im Nationalstadion genauso beschissen wie im Legia-Stadion sein wird. Dort ist die Zyleta zwar ohne Frage laut zu hören, jedoch mit einem starken Echo, sodass ich bei meinem Besuch dort vor ein paar Jahren die Texte der Lieder leider nur bedingt verstehen konnte. Glücklicherweise ging es aber und man konnte die Gesänge immer verstehen. Während bei der Zyleta der Unterrang und Oberrang gleichermaßen aktiv war, befand sich der aktive Teil der Blau-gelben eigentlich nur oben. Von dort wurden die Gesänge koordiniert, dort wurde auch zukünftig Pyrotechnik abgebrannt. Es war sicherlich alles andere als schlecht, aber eben wegen der zahlenmäßigen Unterlegenheit nicht so gut wie auf der anderen Seite. Arka organisierte übrigens noch in der ersten Halbzeit eine gelb-blaue Rauchshow identisch zur Zyleta. In der zweiten Halbzeit wurde von beiden Fanszenen jeweils noch geschlossen Pyrotechnik abgebrannt. Bei Legia erschienen nach dem Wiederanpfiff mehrere vermummte Gestalten mit Plastiktüten voller Pyrotechnik drin und zündeten länger intensiv identische Breslauer. Die Arkowcy organisierten fast zeitgleich eine Pyroaktion in einem gelb-blauen Fahnenmeer. In etwa eine Viertelstunde vor Ende wurden aus dem Arka-Fanblock gut 10 Raketen in Richtung Legia-Kurve abgeschossen. Eine davon landete auf dem Platz, sodass das Spiel auch unterbrochen wurde. Der PZPN (polnischer Fußballverband) hat die Angelegenheit wegen der abgeschossenen Raketen an die Staatsanwaltschaft herangetragen. Kurz vor Schluss veranstaltete Arka noch eine für polnische Verhältnisse chaotische Pyroaktion, wo unterschiedliches Zeug durcheinander abgebrannt wurde. Die Atmosphäre im Stadion blieb auch in den zweiten 45. Minuten einfach faszinierend. Cool fand ich auch mit welcher Leidenschaft und welchen Worten der Vorsänger von Legia die Leute zum Mitmachen alarmierte. Es lässt sich schwer beschreiben, aber ich fand es echt genial! Zudem erfreut mich immer wieder in Polen wie kreativ der Gegner beleidigt wird. Da können die deutschen Szenen deren Kreativität sich bei den Hassgesängen auf zwei, drei Wörter beschränkt, sich in meinen Augen echt eine Scheibe abschneiden. So hatte Legia in ihrem Repertoire ein extra für das Finale verbreitete Lied mit mehreren Versen, das dann speziell nur gegen Arka verwendet wird. Einen Ohrwurm hat man sich mit diesem Lied „Co to jest za drużyna co śledziem jebie tak jebana Arka Gdynia Kurwa Świnia i nie ma drugiej takiej co śledziem jebie tak jebana Arka Gdynia kurwa świnia“ auf jeden Fall eingefangen. Die Melodie, die auf dem polnischen Disco-Polo Sommerhit „Miód Malina“ aus dem Jahr 2013 basierte begeisterte heute gefühlt fast jeden. Top!
Abpfiff! Die Mannschaft und die Zyleta feiert mit den Gesängen „Puchar jest nasz!“ Der Pokal wird von den Spielern selbstverständlich in die Kurve gebracht und auf das Vorsängerpodest übergeben, wo dieser stolz hoch in die Luft gehalten wird. Die Show auf den Rängen ist genauso ein wichtiger Bestandteil des polnischen Pokalfinales wie das Geschehen auf dem Platz. So waren die ganzen Fotografen am Spielfeldrand gefühlt mehr mit dem Ablichten der beiden Kurven als mit dem Spiel selbst beschäftigt. Ich würde es als ein Event im positiven Sinn bezeichnen. Gerade vor dem Hintergrund, dass die Fanszenen in den Kurven Durchsuchungen mit Spürhunden und Durchleuchtungsgeräten wie man sie vom Flughafen kennt über sich ergehen lassen mussten, ist es auch erstaunlich, welche Menge an Pyrotechnik dann trotzdem im Stadion war. Ich muss auch sagen, dass die Erfahrung und die Eindrücke direkt auf dem Platz vor solch starken Kurven zu stehen echt geil war. Danke dafür noch einmal an den Kollegen, der mir dies ermöglicht hat! Das Finale hat es wie erwartet auf jedem Fall in sich und so kann es auch gut zu einer Tradition werden dieses dann jährlich zu besuchen. Es kursieren übrigens auch Gerüchte, dass zukünftig das Finale auch mal wieder im renovierten Stadion Śląski in Chorzów ausgetragen werden soll.
Nach dem eindrucksvollen Nachmittag ging es noch zu den Osnabrückern ins Hotel, wo man sich noch über das Gesehene voller Emotionen austauschen konnte. Anschließend begaben wir uns noch kurz auf eine Mahlzeit. Dann verabschiedete ich mich von den beiden und steuerte den Bahnhof an, wo um halb 10 Abends mein Bus nach Lettland abgefahren ist.

Text/Fotos: Шаффи


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