Samstag, 25. November 2017

1. FC Magdeburg - Hallescher FC Chemie 2:1

3. Liga
Heinz-Krügel-Stadion
Zuschauer: 22 482 (ca. 1700 Hallenser)

Nachdem ich noch einen Travelzoo-Gutschein übrig hatte und mich im November sonst nichts angesprochen hat, wurde eben das Sachsen-Anhalt-Derby ins Visier genommen. In Magdeburg war ich zwar schon Ende 2015, als bei einem 3. Liga-Spiel gegen die Reserve von Mainz 05 die 50 Jahre vom 1. FC Magdeburg gefeiert wurden. Von diesem Spiel bin teils immer noch fasziniert, da dies wohl mein bestes Erlebnis in Sachen Fankultur gewesen ist. Selbst der moderne Kasten, wo der Verein seine Spiele austrägt, hat mich nicht abgeschreckt nochmal in die Ottostadt zu fahren.

Wobei mir natürlich klar war, dass das Derby zwischen den beiden Vereinen inzwischen etwas anders laufen wird. Nach dem Tod des Magdeburgers Hannes am 2. Oktober letzten Jahres hat sich vieles verändert. Beispielsweise sagt die Magdeburger Fanszene, dass sie ihren Feinden keine Beachtung mehr schenken wollen. So wurde zuletzt sogar das Derby in Halle boykottiert. Damals kam es auch zu einem offenen Konflikt zwischen dem Block U und der Hoolszene in Magdeburg, da die Hooligans diese „neue“ Einstellung der Ultras nicht nachvollziehen wollten. Ich persönlich respektiere gewiss die Entscheidung, verstehe diese aber nicht wirklich. Denn soviel ich weiß ist es gar nicht bewiesen, dass die Hallenser direkt an dem Tod von Hannes beteiligt sein sollen. Außerdem bleibt Halle weiterhin der einzige Gegner für Magdeburg in der Region und somit kann in meinen Augen von kompletter Ignoranz etc. nicht die Rede sein. Ich kann mir dies zumindest der so motivierten Szene wie Magdeburg einfach nicht abkaufen. Auf dem Weg nach Magdeburg begegnete ich gleich in zwei Zügen anderen Fangruppen: Nürnberger waren auf dem Weg zum Auswärtsspiel nach Braunschweig, die Bremer Ultras und Normalos waren im IC nach Leipzig. Am Ziel angekommen schaute ich mir den riesigen evangelischen Dom sowie das Hundertwasserhaus an. Mehr gibt es in der Stadt, die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges komplett zerbombt wurde, auch nicht. Da es wie aus Eimern schüttete, wurde eben die verbleibende Zeit bis zum Anpfiff im Einkaufszentrum verbracht. Danach ging es zu Fuß zum Stadion, welches 2006 an der Stelle der alten Schüssel eröffnet wurde. In der Heimkurve war eine klare Message zum heutigen Spiel zu lesen: Es waren ein Spruchband „Du bist niemals alleine“ und eine Zaunfahne mit Hannes drauf zu sehen. Der Stadionsprecher kündigte statt der Vereinshymne eine stille Minute zum Gedenken an Hannes an. Die Gäste fingen in der Zeit ziemlich schnell mit ihren Gesängen an, die Magdeburger Normalos um mich herum reagierten dementsprechend mit „Alle, alle, alle gegen Halle!“ Diese brachten in einigen Momenten des Spiels diesen Spruch noch ein paar Male, was interessanterweise komplett der Ansicht des Block U entgegenspricht. Denn dort wurde schon zum Anpfiff vom Vorsänger angekündigt, dass es heute ausschließlich um die Unterstützung der eigenen Mannschaft gehen soll. So war dem auch: Die Tribüne, wo der Block U beheimatet ist, haute sehr geschlossen und laut das eine Lieder nach dem anderen raus. Was ich persönlich aber an Magdeburg so bewundere, ist die Beteiligung der anderen Tribünen. Diese Motivation in Form der langen und wirklich guten Wechselgesänge habe ich nicht nur in Deutschland nirgendwo sonst gesehen, sondern überhaupt. Nicht einmal bei den Videos von polnischen Kurven kann ich mich an identisches erinnern. Ist schon Weltklasse, muss ich ehrlich sagen! Der Gästeblock war zunächst relativ still. Lediglich ein kleiner Haufen war dort aktiv, aber an meinem Standort kam fast nichts an. Wie es später herausstellte waren im Gästeblock in dem Moment gar nicht alle drin. So 300 Hallenser kamen aufgrund eines Brandanschlages auf den Sonderzug erst zur zweiten Hälfte an. So verließ ein Großteil der Gäste noch vor der Pause den Block, um mit den eigenen Leuten dem geplanten Angriff der Magdeburger entgegenzuwirken. Die Polizei war aber selbstverständlich zustelle und so gerieten die Feinde nicht aneinander. Als dann nach dem Wiederanpfiff wirklich alle Hallenser drin waren, lief der Support des Gästeblockes schon deutlich besser, wobei die Lieder sehr standardmäßig waren. Am Ende des Spiels wurde noch etwas mit einem gezogenen Magdeburg-Schal geprahlt und provoziert bis er dann schließlich in Flammen aufging.
Nach so einem vergleichsweise ruhigen Derby bin ich gespannt wie sich das Ganze zwischen den beiden Szenen weiterentwickelt und wann es denn wieder feurige und optisch schöne Ränge bei den Duellen zwischen den beiden Clubs geben wird.

Text/Fotos: Шаффи