Samstag, 2. Dezember 2017

Sevilla FC - RC Deportivo de La Coruña 2:0

La Liga
Estadio Ramón Sánchez Pizjuán
Zuschauer: 32 136 (ca. 400 Gäste)

Am Morgen des dritten Tages kehrte ich aus Málaga zurück ins politische Zentrum Andalusiens. Wie schon auf der Hinfahrt wurde aus einer reinen Zugfahrt größtenteils eine Busfahrt nach Utrera und von dort dann nur das letzte Stück mit dem Zug nach Sevilla. Nach der Ankunft ging es zunächst zum Stadion des FC Sevilla, um sich eine Karte für das am Abend bevorstehende Spiel zu holen. Dieses Mal war es schon möglich für die gewünschte Gol Sur (Südtribüne) eine Karte für 25 Euro zu kaufen. Vor zwei Tagen waren in den Stadionkassen nämlich, wie schon im ersten Bericht der Tour erwähnt, nur die teuren Tickets für die Haupttribüne zu haben. Dann lief ich weiter in die Altstadt auf der Suche nach Essen.
Entweder wegen dem Samstag oder auch generell hier wird anscheinend sehr spät gefrühstückt, sodass um 11 Uhr überall noch keine Tapas serviert wurden. Es wurde dann eben wie schon am ersten Tag in Sevilla in der Bodega Santa Cruz Platz genommen. In Spanien werden zum Frühstück oft Toasts mit den verschiedensten Sachen drauf angeboten. So gab es für mich zwei, mit jeweils der streichzarten spanischen Rohwurst Sobrasada und dem Roquefort-Käse. Die spanische Küche ist ja in meinen Augen perfekt: Es gibt sehr viele Speisen aus dem Meer, aber auch gleichzeitig einiges vom Land, wie Fleisch und Käse. Zudem kann man durch die Portionierung als Tapas sehr vieles durchprobieren und abwechslungsreich essen, was ich dann noch am Abend sowohl vor als auch nach dem Spiel reichlich machte. Sonst konnte ich an diesem warmen Tag noch den riesigen und schönen María-Luisa-Park anschauen, dagegen war für den Königspalast Alcázar, der zum Weltkulturerbe gehört, aufgrund der langen Warteschlangen leider keine Zeit mehr drin. Gegenüber der beiden bereits besuchten Spielen (bei Betis und Málaga) fing das heutige mit der Anstoßzeit um 18:30 für spanische Verhältnisse relativ früh an.
Das Estadio Ramón Sánchez Pizjuán, das durch die Austragung des „Thriller von Sevilla“ (Halbfinale der WM 1982: BRD – Frankreich) bekannt sein dürfte, liegt sehr zentral in der Stadt. Der Stadionname ist auf den ehemaligen Vereinspräsidenten und den Initiator des Stadionbaus den Ramón Sánchez Pizjuán zurückzuführen. Das Einkaufszentrum Nervión Plaza, das direkt an die Sportstätte angrenzt, wurde an der Stelle des Estadio de Nervión, das bis 1958 die Heimstätte der Sevillistas war, errichtet. Schon von außen bzw. durch seine Lage kann der Ground unheimlich punkten. Zudem gibt es drum herum keine Zäune wie es bei den Stadien bei uns der Fall ist, sondern man betritt es direkt bei der Kartenkontrolle. Das zweirangige Stadion hatte zeitweise ein Fassungsvermögen von 70 000, während es derzeit in etwa 42 000 Zuschauer fasst. Innen schaut es mindestens genauso geil aus, trotz der Größe ist es doch kompakt und atmosphärisch drinnen. Im anstehenden Spiel traf der aktuelle Champions-League-Teilnehmer Sevilla FC auf den abstiegsgefährdeten Real Club Deportivo de La Coruña aus Galicien, das im Nordwesten des Landes liegt. Der Gegner ist jedoch keine komplett unbekannte Nummer im Land, da Deportivo in der Saison 1999/00 sogar (zum ersten Mal) die Meisterschaft mit fünf Punkte Vorsprung auf den FC Barcelona gewinnen konnte. Übrigens ist die Hauptgruppe des galicischen Clubs „Riazor Blues“ mit der Szene des Sevilla FC befreundet. Die einheimische Fanszene besteht um die Ultras-Gruppe „Biris Norte“. Ziemlich einmalig dürfte die Abstammung dieses Namens sein. Während im zweiten Wort die Nordkurve als Heimat der Szene wiedergespiegelt wird, ist der erste Teil des Gruppennamens auf den gambischen Spieler Alhaji Momodo Nije mit dem Spitznamen Biri Biri, der in den 70-ern bei Sevillistas spielte, zurückzuführen. Im Laufe der Saison 1974/75 entstand dementsprechend die Biris Norte, die als eine der ersten Ultras-Gruppen in Spanien gelten. Im Gegensatz zu den Supporters Gol Sur vom Stadtrivalen Betis, ist Biris Norte extrem links ausgerichtet, teils separatistisch für Andalusien. Freundschaften pflegt die Gruppe neben den Riazor Blues aus A Coruña auch zu Kolectivo Sur aus Xerez, gute Kontakte bestehen nach Modena und Marseille. Mir kommt die linke Gesinnung der Ultras aber ziemlich widersprüchlich vor, da der Verein zeitgleich als Club der Oberschicht gilt. Europaweite Bekanntheit erreichte die Gruppe vor einigen Jahren als diese beim Heimspiel gegen Śląsk Wrocław vier wirklich bedeutende Zaunfahnen der polnischen Szene erbeutet hatte, seitdem werden die Spanier immer wieder von polnischen Hooligans angegriffen und werden wohl nie mehr in Ruhe gelassen. Der Auftritt der Biris Norte bei dem heutigen Spiel hat mir recht gut gefallen. Es war ein abwechslungsreicher durchgängiger Support, dabei gab es auch ein paar Ohrwürmer zu hören. Die Gäste waren zwar für die riesige Entfernung von 900 km reichlich angereist, aber sind akustisch jetzt auf Dauer nicht wirklich aufgefallen.
 Insgesamt muss ich gestehen, dass das Ambiente und die Stimmung mir hier überraschenderweise mehr gefallen hat als bei Betis. Wobei dies auch damit zusammenhängen mag, dass ich beim Stadtrivalen lediglich ein Pokalspiel vor einer relativ leeren Kulisse gesehen habe. Dass der Besuch beider Vereine aus Sevilla sich lohnt, steht aber definitiv fest.

Text/Fotos: Шаффи

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