Estadio Ramón Sánchez Pizjuán
Zuschauer: 32 136 (ca. 400 Gäste)
Am Morgen des dritten Tages kehrte ich aus Málaga
zurück ins politische Zentrum Andalusiens. Wie schon auf der Hinfahrt wurde aus
einer reinen Zugfahrt größtenteils eine Busfahrt nach Utrera und von dort dann
nur das letzte Stück mit dem Zug nach Sevilla. Nach der Ankunft ging es
zunächst zum Stadion des FC Sevilla, um sich eine Karte für das am Abend
bevorstehende Spiel zu holen. Dieses Mal war es schon möglich für die
gewünschte Gol Sur (Südtribüne) eine Karte für 25 Euro zu kaufen. Vor zwei
Tagen waren in den Stadionkassen nämlich, wie schon im ersten Bericht der Tour
erwähnt, nur die teuren Tickets für die Haupttribüne zu haben. Dann lief ich
weiter in die Altstadt auf der Suche nach Essen.
Entweder wegen dem Samstag
oder auch generell hier wird anscheinend sehr spät gefrühstückt, sodass um 11
Uhr überall noch keine Tapas serviert wurden. Es wurde dann eben wie schon am
ersten Tag in Sevilla in der Bodega Santa Cruz Platz genommen. In Spanien
werden zum Frühstück oft Toasts mit den verschiedensten Sachen drauf angeboten.
So gab es für mich zwei, mit jeweils der streichzarten spanischen Rohwurst
Sobrasada und dem Roquefort-Käse. Die spanische Küche ist ja in meinen Augen
perfekt: Es gibt sehr viele Speisen aus dem Meer, aber auch gleichzeitig
einiges vom Land, wie Fleisch und Käse. Zudem kann man durch die Portionierung
als Tapas sehr vieles durchprobieren und abwechslungsreich essen, was ich dann
noch am Abend sowohl vor als auch nach dem Spiel reichlich machte. Sonst konnte
ich an diesem warmen Tag noch den riesigen und schönen María-Luisa-Park
anschauen, dagegen war für den Königspalast Alcázar, der zum Weltkulturerbe
gehört, aufgrund der langen Warteschlangen leider keine Zeit mehr drin.
Gegenüber der beiden bereits besuchten Spielen (bei Betis und Málaga) fing das
heutige mit der Anstoßzeit um 18:30 für spanische Verhältnisse relativ früh an.
Das Estadio Ramón Sánchez Pizjuán, das durch die
Austragung des „Thriller von Sevilla“ (Halbfinale der WM 1982: BRD –
Frankreich) bekannt sein dürfte, liegt sehr zentral in der Stadt. Der
Stadionname ist auf den ehemaligen Vereinspräsidenten und den Initiator des
Stadionbaus den Ramón Sánchez Pizjuán zurückzuführen. Das Einkaufszentrum
Nervión Plaza, das direkt an die Sportstätte angrenzt, wurde an der Stelle des
Estadio de Nervión, das bis 1958 die Heimstätte der Sevillistas war, errichtet.
Schon von außen bzw. durch seine Lage kann der Ground unheimlich punkten. Zudem
gibt es drum herum keine Zäune wie es bei den Stadien bei uns der Fall ist,
sondern man betritt es direkt bei der Kartenkontrolle. Das zweirangige Stadion
hatte zeitweise ein Fassungsvermögen von 70 000, während es derzeit in etwa 42
000 Zuschauer fasst. Innen schaut es mindestens genauso geil aus, trotz der
Größe ist es doch kompakt und atmosphärisch drinnen. Im anstehenden Spiel traf
der aktuelle Champions-League-Teilnehmer Sevilla FC auf den abstiegsgefährdeten
Real Club Deportivo de La Coruña aus Galicien, das im Nordwesten des Landes
liegt. Der Gegner ist jedoch keine komplett unbekannte Nummer im Land, da
Deportivo in der Saison 1999/00 sogar (zum ersten Mal) die Meisterschaft mit
fünf Punkte Vorsprung auf den FC Barcelona gewinnen konnte. Übrigens ist die
Hauptgruppe des galicischen Clubs „Riazor Blues“ mit der Szene des Sevilla FC
befreundet. Die einheimische Fanszene besteht um die Ultras-Gruppe „Biris
Norte“. Ziemlich einmalig dürfte die Abstammung dieses Namens sein. Während im
zweiten Wort die Nordkurve als Heimat der Szene wiedergespiegelt wird, ist der
erste Teil des Gruppennamens auf den gambischen Spieler Alhaji Momodo Nije mit
dem Spitznamen Biri Biri, der in den 70-ern bei Sevillistas spielte,
zurückzuführen. Im Laufe der Saison 1974/75 entstand dementsprechend die Biris
Norte, die als eine der ersten Ultras-Gruppen in Spanien gelten. Im Gegensatz
zu den Supporters Gol Sur vom Stadtrivalen Betis, ist Biris Norte extrem links
ausgerichtet, teils separatistisch für Andalusien. Freundschaften pflegt die
Gruppe neben den Riazor Blues aus A Coruña auch zu Kolectivo Sur aus Xerez,
gute Kontakte bestehen nach Modena und Marseille. Mir kommt die linke Gesinnung
der Ultras aber ziemlich widersprüchlich vor, da der Verein zeitgleich als Club
der Oberschicht gilt. Europaweite Bekanntheit erreichte die Gruppe vor einigen
Jahren als diese beim Heimspiel gegen Śląsk Wrocław vier wirklich bedeutende
Zaunfahnen der polnischen Szene erbeutet hatte, seitdem werden die Spanier
immer wieder von polnischen Hooligans angegriffen und werden wohl nie mehr in
Ruhe gelassen. Der Auftritt der Biris Norte bei dem heutigen Spiel hat mir
recht gut gefallen. Es war ein abwechslungsreicher durchgängiger Support, dabei
gab es auch ein paar Ohrwürmer zu hören. Die Gäste waren zwar für die riesige
Entfernung von 900 km reichlich angereist, aber sind akustisch jetzt auf Dauer
nicht wirklich aufgefallen.
Insgesamt
muss ich gestehen, dass das Ambiente und die Stimmung mir hier
überraschenderweise mehr gefallen hat als bei Betis. Wobei dies auch damit
zusammenhängen mag, dass ich beim Stadtrivalen lediglich ein Pokalspiel vor
einer relativ leeren Kulisse gesehen habe. Dass der Besuch beider Vereine aus
Sevilla sich lohnt, steht aber definitiv fest.



















