Sonntag, 1. März 2020

ETB Schwarz-Weiß Essen - SpVg Schonnebeck 1:1

Oberliga Niederrhein
Uhlenkrugstadion 
Zuschauer: 480 (ca. 200 Gäste)

Nach dem Jugendspiel beim FC Kray im Osten von Essen ging es per Bus in den in den Stadtteil Stadtwald im Süden. Dort steht das Uhlenkrugstadion des Essener Turnerbund Schwarz-Weiß. Dieser entstand 1881  und dessen Fußballabteilung wurde 1900 gegründet. Größter Erfolg war der DFB-Pokalsieg 1959.

Ein Schwarz-Weiß-Team genügte zuletzt Anfang der 60er Jahre höheren Ligabedürfnissen, die Qualifikation zur Bundesliga jedoch verpasste und in den darauf folgenden Jahrzehnten langsam aber sicher nach unten durchgereicht wurde.
Wirtschaftlich am Ende, kündigte der ETB dem DFB 1978 noch während der laufenden Zweitliga-Spielzeit die freiwillige Rückgabe der Profilizenz zu Saisonende an.
Heute quält man sich mehr schlecht als recht in der fünftklassigen Oberliga Niederrhein. Das entspricht zwar den Werdegang vieler Traditionsklub, beinhaltet doch ein seltsames Kuriosum.
Denn als Schwarz-Weiß Essen 1978 endgültig den Profibereich verließ, hatte das seit Ende 1973 im Besitz der Stadt Essen befindliche Stadion am Uhlenkrug den Amateurstatus längst erreicht. Es war bereits 1975 als nicht tauglich für den Lizenzbereich eingestuft worden.
So musste der ETB drei Jahre heimatlos in wechselnden Stadien spielen. Meistens im Grugastadion, aber mehrere Male sogar beim Lokalrivalen Rot-Weiss. Das ist wohl einzigartig in der Geschichte der 2. Liga.
Da ich noch eine Stunde bis Anpfiff hatte, suchte ich erstmals die Vereinskneipe auf. Mach ich echt gerne, denn oft sind das richtige Vereinsmuseen. Hier erwartete mich rustikales Holzinterieur, sehr gemütlich. Ich orderte mir das lokale Stauder-Bier und setzte mich an einen Tisch und blätterte im Stadionheft, als ich hinter mir eine mir doch sehr bekannte Stimme hört
Als ich mich nach einiger Zeit umdrehte saß dort doch tatsächlich Trainer-Legende und Ex-RWE-Verteidiger Otto Rehagel. Er trank seinen Kaffee und wollte sich wohl auch das Essener Derby heute nicht entgehen lassen. Er wurde aber von allen respektvoll in Ruhe gelassen und keiner bat ihn um Autogramme oder Selfies ! Vielleicht hatten aber auch alle Anwesenden schon eines, wer weiß das schon…
Übrigens kam DFB-Unsympath Oliver Bierhoff in seinen Essener Jahren nie über eine unbedeutende Nebenrolle beim ETB hinaus.
Nun drehte ich erstmal eine Stadionrunde, ich liebe es wenn man ein Stadion problemlos umrunden kann. So wechsele ich dann auch während des Spiels öfter mal den Standort um den Ground aus verschiedenen Perspektiven zu sehen.
Der Uhlenkrug fasst heute noch 9.950 Plätze, davon sind 1.400 Sitzplätze auf der Haupttribüne überdacht. Leider wurde schon ein Drittel des Stadions mittlerweile begrünt. Trotzdem immer noch ein geiles Stadion, in dem man Geschichte förmlich riechen kann !
Das Stadion wurde 1922 errichtet, nachdem die Pacht für den vorher genutzten Sportplatz an der Meisenburg nicht verlängert worden war. Damals konnten 35.000 Zuschauer im Ground untergebracht werden, davon fanden .2000 auf einer Tribüne aus einer Eisenkonstruktion Platz. 1939 wurde das Stadion aufgrund der Erfolge des Vereins ausgebaut. Das Fassungsvermögen betrug danach 45.000 Zuschauer, davon 2.400 auf der Tribüne.
Nach dem Zweiten Weltkrieg begann der Lokalrivale Rot-Weiss Essen, an Schwarz-Weiß Essen vorbeizuziehen und übernahm dabei die Vormachtstellung in Essen. Die historisch zwar begründete, im Ganzen dennoch grobschlächtige Unterscheidung zwischen „Roten“ und „Schwarzen wurde in der Öffentlichkeit zum Duell der sozialen Herkunft stilisiert und damit, passend zu den Vereinsfarben, auch politisiert.
Die „Roten“, das war der Arbeiterklub bzw. das sozialdemokratische Lager, die „Schwarzen“ dagegen das bürgerliche und damit christdemokratisch wählende Kickervolk, eben der „Lackschuhverein“. Eine Unterscheidung, die im seinerzeit politisch eindeutig gefärbtem Ruhrgebiet vielleicht nicht unwesentlich zur Vernachlässigung des Uhlenkrugstadions beigetragen hat.
Ich holte mir erstmal eine Bratwurst vom Grill am Stadioneingang. Das hätte ich wohl besser nicht getan. Zwar war sie echt groß, aber geschmacklich echt neutral und der dicke Darm verhinderte ein kontrolliertes Abbeißen. Schon lange nicht mehr so eine eklige Bratwurst gegessen, dazu der Abturn-Klassiker Aufbackbrötchen .
Aus dem nordöstlichen Essener Stadtteil Schonnebeck hatten sich etwa 200 Leute aufgemacht und nahmen ziemlich zentral auf der Haupttribüne Platz. Während des Spiels gaben sie ab und an mal mehr oder weniger sinnlose Sachen wie „Ching-Chang-Chung, Spielvereinigung !“ von sich, während auf Heimseite kein Stimmungspöbel auszumachen war. Sind halt die Lacksschuhe  ;-)
In der Pause holte ich mir an Biene´s Imbiss (Wer Biene´s Bratwurst kennt, geht nicht fremd !) eine Frikadelle. Auch Sucuk war noch im Angebot, sah für mich aber nicht so überzeugend aus. Gegenüber liegt im Bauch der Tribüne noch einer gemütlicher Ausschank. Echt cool das Teil, wo ich mir noch ein Bier gönnte und der Wirt die herrliche Ruhrpott-Art hatte. Finde die Leute im Ruhrgebiet ja echt top. Schnodderschnauze, dazu der Dialekt und eine Prise ordentlicher Humor !
Im Spiel konnte der Tabellendritte aus Schonnebeck spät ausgleichen und einen Punkt aus dem Uhlenkrug entführen. Somit dümpelt der ETB weiter im hinteren Mittelfeld der Tabelle herum.
Noch eine Anekdote aus früherer Zeit. Die anbrechende Leidenszeit der Fans manifestierte sich schnell auch in baulicher Substanz. Anfang der 50er Jahre entwickelte sich beim ETB der Begriff „Klagemauer“. Gemeint war damit eine zwischen Tribüne und Spielfeld befindliche, fast bis Kopfhöhe reichende Mauer, vor der die alten ETBler standen und laut die Chancenlosigkeit beweinten.
Am Uhlenkrug waren die, natürlich auch bei anderen Klubs präsenten, Dauernörgler durch die Klagemauer quasi institutionalisiert. Dass sich die Gruppe in den 60er Jahren auflöste, lag einerseits am Abriss der Mauer, andererseits an deren Altersstruktur. 
Da mein Tagesticket abgelaufen war, machte ich mich nun zu Fuß auf zum Hauptbahnhof, wo mein Zug leicht verspätet kam. Doch der Umsteigezug konnte problemlos am Frankfurter Flughafen eingeholt werden und so war man gegen Mitternacht wieder zuhause. Schöner Ausflug mit zwei richtig geilen Old-School-Stadien !
Text/Fotos: Pressi