Sonntag, 2. Juni 2019

AIK - Hammarby IF 2:0

Allsvenskan
Nationalarenan
Zuschauer: 32 861 (ca. 6000 Gäste)


Als letztes Spiel meiner Reise stand mit dem Stockholmer Derby auch das Hauptspiel der Tour an. Doch zunächst war an dem Tag eine Bootstour durch die Kanäle Stockholms angedacht. Lange überlegte ich mir, ob ich denn für 23 Euro den 50 Minuten Ausflug oder doch eine zweistündige Tour bei einem Preis von 28 Euro gönnen soll. Preislich ist natürlich beides absolute Oberklasse, denn selbst in Kopenhagen zahlte ich letztes Jahr noch in etwa 12 Euro für eine Stunde Fahrt. Doch um die geile Stadt vom Wasser aus zu sehen, war es mir wiederum recht. So entschied ich mich letztendlich für die zweistündige Tour. Im Gegenteil zum Vortag in Uppsala passte am Sonntag auch das Wetter und ich konnte vom Boot entspannt die Stadt genießen.
Gegen 12 Uhr wurde ich wieder am Strömkajen vom Boot ausgespuckt. Bevor ich mich auf den Weg zum Fußball machte, stärkte ich mich mit einer Kleinigkeit.
Das heutige Derby war in Solna, einem Stadtteil Stockholms, wo AIK beheimatet ist. Häufig wird der Club deswegen fälschlicherweise als AIK Solna bezeichnet, während die echte Bezeichnung wirklich nur AIK heißt. Übersetzt heißt es so viel wie „der Allgemeine Sportclub“. Solna kann schnell und bequem aus dem Zentrum mit der U-Bahn der blauen Linie erreicht werden. Sowohl technologisch als infrastrukturell soll Schweden ja als weit fortgeschritten gelten, doch die Ticketkontrolle lässt mich daran zweifeln… Die Einzelfahrscheine kauft man ganz normal am Automaten, die an jeder Station stehen. Doch das Ticket selbst wird dann weder gescannt noch gestempelt, sondern total skurril von der Tante am Drehkreuz händisch gecheckt. Die Stationen des Stockholmer U-Bahn Netzes sind teilweise recht ansehnliche Kunstobjekte, sodass ich die Fahrt auch dafür genutzt habe. Fast jede Haltestelle bin ich ausgestiegen und dann nach dem kurzen Umschauen gleich die nächste Bahn genommen. Bei genügend Puffer kann man dies schon machen.
Am Solna Centrum angekommen läuft man dann in etwa eineinhalb Kilometer bis zum Nationalarenan. Mit der Kapazität von 51 600 Plätzen wurde das größte Stadion des Landes 2012 eröffnet. Es ersetzte dem AIK das Råsundastadion als neue Heimat. Spätestens seit 2013 ist das legendäre Stadion, das dem 12-fachen Meister 75 Jahre lang als das Zuhause diente, Geschichte und an seiner Stelle wurden Wohn- und Bürohäuser errichtet. Ich versuchte mich heute weniger mit der Hässlichkeit dieses modernen Baus zu beschäftigen, sondern mehr auf den Support der Fanszenen zu konzentrieren. Vor dem Spiel machten sich die beiden Kurven schon gut warm, indem sie sich abwechselnd einsangen, doch zum Anpfiff wurde es plötzlich überraschend ruhig… In den letzten Monaten versucht der schwedische Verband mit der Polizei die Fankultur einzuschränken bzw. mittelfristig zu zerstören. Somit beschlossen heute die beiden Fanszenen die ersten 10 Minuten mit den entsprechenden Spruchbändern in der Hand zu schweigen. Das Geniale an diesem Protest war, dass es trotz der Zuschauerzahl von über 30 000 wirklich komplett durchgezogen wurde und man schon die Stimmen der Spieler auf dem Platz hören konnte. Selbst wenn sich eine Mannschaft dem Strafraum näherte und irgendein Honk meinte kreischen zu müssen, zischte das restliche Publikum verärgert und es wurde wieder totenstill. Zur 10. Minute gab es Bewegung in den beiden Kurven und die Kurvenshow konnte doch noch losgehen! Die Norra Sta um die Gruppen Sol Invictus, Ultras Nord und die historische Black Army zeigten über mehrere Minuten eine große Pyroaktion im Unterrang ihrer Kurve. Währenddessen gab es von Hammarby eine Zettelchoreo mit Konfetti, welche anschließend noch mit etwas Bengalos und Rauch untermalt wurde. Dies sah nicht schlecht aus, wobei die Pyroreserven wesentlich kleiner als bei den Hausherren waren. Das Spiel war natürlich vom Schiri unterbrochen worden, denn der ganze Rauch löste sich nur langsam in der Halle. Die Kurven, vor allem die von AIK, waren gesangstechnisch schon gut drauf, doch es gab dennoch größere Schweigepausen, sodass ich die Stimmung nicht als 1A klassifizieren kann. Auch waren die Gesänge zwar laut, aber meistens nicht unbedingt die Kreativsten. Zum Wiederanpfiff gab es eine weitere Choreo der Gelb-Schwarzen. Diese zeigten auf den zwei Rängen ihrer Kurve die Solna-Skyline mit einer Strophe des AIK Klassikers „Ta mig med till Norra Stå“, das auf Basis des amerikanischen Country-Songs „Take Me Home, Country Roads“ entstand. Optisch machte die Aktion schon was her, jedoch hätte ihr noch etwas Rauch gutgetan. Sonst wurde im zweiten Durchgang noch unzählige Male von beiden Seiten chaotisch gezündet. Im Heimbereich wurden zudem einige Spruchbänder gegen den Verband und seine Funktionäre ausgerollt. In der Zaunfahnenkultur konnte ich heute bei den beiden Szenen übrigens deutliche Unterschiede feststellen: Während die Hausherren mit drei großen Zaunfahnen der Hauptgruppen am Zaun prangten, war die Kurve der Gäste vorne mit vielen kleinen Stoffen geschmückt. Mir persönlich taugt der Stil des AIK deutlich mehr. Beide Szenen haben generell einige Freundschaften in Westeuropa (auch zu deutschen Gruppen) am Laufen, doch in Schweden ist es meist unüblich dies zu Schau zu stellen, sodass man nicht einfach erkennen konnte, wer da sonst in der Kurve mitgemischt hat. Am Ende des Spiels konnte ich mir mit dem Fangesang „Söderfamily - Djurgården och Hammarby“ einen Ohrwurm einfangen. Mit dem Betiteln von DIF und Hammarby als eine Familie machen sich AIK so über ihre Feinde lustig. Beide sind alles andere als eine Familie, kommen aber aus dem Süden der Stadt und teilen sich zudem seit 2013 das Stockholmsarenan (Tele2 Arena).
Insgesamt war ich dann schon sehr zufrieden mit dem Erlebnis. Sicherlich werde ich in den nächsten Jahren bei einem Heimspielderby von Hammarby oder Djurgårdens vorbeischauen. Schließlich habe ich mir auch mit dem Vasa-Museum, Skansen sowie dem Viertel Södermalmbei noch was wirklich Sehenswertes für das nächste Mal übriggelassen.


Text/Fotos: Шаффи