Samstag, 28. April 2018

GKS 1962 Jastrzębie - Radomiak Radom 1:2

II Liga
Stadion Miejski w Jastrzębiu-Zdroju
Zuschauer: 2109 (109 Gäste)

Am Samstag sollten sich meine Wege und die der beiden Osnabrücker trennen. Während die beiden Poznan ansteuern wollten, freute ich mich auf Oberschlesien. Kurz nach 7 Uhr am Morgen wurde die Tür des Appartements zugeschlossen und der Schlüssel wie mit dem Vermieter abgesprochen in den Briefkasten eingeworfen. Doch da bemerkten wir plötzlich, dass die Haustür unten am Eingang auch noch zu war. Zuerst wurde noch verzweifelt nach Möglichkeiten gesucht, wie wir jetzt aus der Situation rauskommen. Vor allem ich hatte es eilig, da ich schon ein Ticket für den Zug hatte. So wurde dann doch von mir hoffnungslos an dem Briefkasten geschüttelt, gerüttelt, geschlagen und siehe da, er ging auf!
Am Bahnhof kurz vor 8 fuhr mein Zug dann nach Gliwice (Gleiwitz). Gliwice ist der östlichste Punkt des Oberschlesischen Industriegebiets. Für mich war es nur eine kurze Zwischenstation auf dem Weg nach Katowice, das als Zentrum bzw. Hauptstadt des schlesischen bzw. polnischen Potts angesehen wird. Nach Gliwice, zu einer Freundin eines Kumpels, wurde nämlich meine Eintrittskarte für das Pokalfinale geliefert. Schnell wurde diese dort abgeholt und schon saß in dem Regionalzug durch die Industrieregion nach Katowice.
Nach Ankunft ging es die restlichen Meter dann zu Fuß zum HostelPinballRooms. Die Herberge ist extrem neu, ich kann sie wärmstens empfehlen! Nach dem Einchecken machte ich mich auf den Weg ins Zentrum. Die Stadt wurde seit meinem ersten Besuch 2013 schon erheblich aufgehübscht. Die Infrastruktur ist total modern und man fühlt sich, zumindest zentral, schon wie in Westeuropa. Gegessen wurde in einem einfachen Lokal: Zuerst gab es für mich die Suppe Żurek, eine Mehlsuppe mit Ei und Wurst drinnen. Diese ist vor allem in Oberschlesien sehr beliebt. Danach gab es eine riesige Portion mit Placek (Kartoffelpuffer) mit Schnitzel und Sauerkraut. Das Kraut mag ich zwar weniger, aber war dann trotzdem schon OK. Nach Jastrzębie-Zdrój, das heute auf meinem Programm stand, musste ich mit einem Sprinter anreisen, denn die Stadt hat seit 2005 keinen Bahnhof mehr. Die Busse fahren einmal oder zweimal die Stunde hinter dem Einkaufszentrum Ślązak ab. Nach knapp über einer Stunde Fahrtzeit war ich dann in der Stadt an der tschechischen Grenze angekommen.
Bis zum Zweiten Weltkrieg war sie ein Dorf mit ein paar Hundert Einwohnern. In den 1970ern entstand daraus eine Industriestadt mit ganzen 95000 Einwohnern! Wie andere solcher plötzlich gewachsenen Städte in der Region, sehen sich Jastrzębie bzw. ihre Einwohner die Stadt nicht als oberschlesisch, sondern polnisch. Wie man sich wahrscheinlich schon denken kann, gibt es in der Stadt nichts zu sehen. Dort stehen nur eine Menge riesiger Wohnblöcke umzingelt von Bäumen. Wenigstens ist die Stadt sehr grün, aber ansonsten schon sehr depressiv. Mit Musik von SLU (Slums Attack ist eine Crew eines polnischen Rappers, die in den 90ern entstand) in den Kopfhörern zog ich gangstermäßig etwas um die Wohnblöcke, um die Atmosphäre der Stadt zu fühlen. Wenn man hier aufwächst, hat man nicht viele Möglichkeiten: Entweder wird man asozial, Fußballfan oder asozialer Fußballfan. Langsam komme ich damit auch zum Fußball… der einheimische Club GKS 1962 Jastrzębie entstand durch die Fusion zweier Vereine und repräsentierte wie schon der Name sagt damals den Bergbau der Stadt. Den Großteil seiner Geschichte verbrachte der Verein in der Drittklassigkeit, schaffte aber dennoch zweimal die Sensation 1976 das Pokalhalbfinale zu erreichen sowie 1988 in die Ekstraklasa aufzusteigen. Derzeit befindet sich der GKS auf dem ersten Platz der II Liga und wird nächste Saison wohl in der zweithöchsten Liga verbringen. Meine Vorfreude auf das heutige Spiel war riesig: Erstens steht in Jastrzębie ein bewundernswertes Stadion, zweitens war der heutige Gegner auch einer der Anwärter auf der Aufstieg mit einer kleinen guten Fanszene. Mit seiner schüsselartigen Bauweise und dem Ausblick auf die riesigen Hochhäuser dürfte es eins der schönsten noch verbliebenden Stadien Polens sein. Glücklicherweise gibt es bislang auch keine Gerüchte zum Umbau, was für den polnischen Stadionwandel schon fast skurril wirkt. Das Stadion betrat ich fast eine Stunde vor Anpfiff, was ich aber dieses Mal in keinster Weise bereute. Es lief der Holzkohlengrill, was ich in Polen überraschenderweise dieses Mal öfter gesehen habe, als in dem Klobasa-Land Tschechien. Gegessen habe ich aber keine Kielbasa, denn ich war immer noch satt von meiner Mahlzeit in Katowice. Die Ränge füllten sich und am Ende war es sogar überdurchschnittlich besucht. Leider ist in dem Stadion, wo der GKS seit 1989 zu Hause ist, nur noch die Haupttribüne für die Besucher geöffnet. Der Fanblock positioniert sich unter dem Dach nahe des Gästekäfigs. Bei sechs Zaunfahnen versammelten sich im Block über 350 einheimische Kibice, welche ab der ersten Spielminute ordentlich loslegten. Unter den Fahnen übrigens auch die OBPNS (Abkürzung für „Letzte polnische Bastion in Schlesien“) sowie „Nie schlesisch, immer polnisch“, die die polnische bzw. antischlesische Ausrichtung der Fanszene betonen sollen. Der Support war dann das ganze Spiel über ganz vertretbar, einmal wurde sogar für wenige Minuten die ganze Tribüne mit Pikniki zum Aufstehen, Einklatschen und Singen motiviert. Was mir persönlich an der Szene sympathisch ist, ist, dass man keinerlei Freundschaften pflegt und das noch dazu in dieser hartumkämpften Region!
Der Gästeblock blieb zunächst leer, aber so zum Ende der Halbzeit füllte er sich nach und nach ordentlich. Erst als alle Gäste auf den Rängen waren, wurden geschlossen die ersten Gesänge gescheppert. Die restliche Zeit wurde auch weiterhin ganz gut supportet und die eigene Mannschaft schließlich auch noch zum Sieg geschrien. Die Zahl der Auswärtsfans war wieder mal stark, an dieser Stelle ist zu erwähnen, dass ich eigentlich bei jedem Spiel dieser Polen-Tour immer einen guten Gästemob zu sehen bekam. Ist vielleicht doch nicht alles so schlecht in Polen wie manche quatschen? Nach einem wirklich schönen Tag hier in dem asozialen Jastrzębie ging es wieder mit dem letzten Bus um 19:45 zurück nach Katowice.

Text/Fotos: Шаффи

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