Sonntag, 25. Februar 2018

FC Carl Zeiss Jena - FC Rot-Weiß Erfurt 1:0

3.Liga
Ernst-Abbe-Sportfeld
Zuschauer: 9.650 (820 Gäste)

Das wohl für einige Zeit letzte Thüringen-Derby lockte auch die Experten Shaffi und Pressi nach Jena. Übrigens heißen wir nicht Experten weil wir meinen die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, sondern es ist eher ironisch gemeint und dem Ausdruck "was bist du denn für ein Experte" geschuldet. Nur mal so am Rande.
Der Umstieg in Deutschlands Bierhauptstadt Bamberg offerierte Sportskamerad Pressi die Möglichkeit lokale Brauspezialitäten zu erwerben. Später stieg noch Shaffi´ s ukrainischer Kumpel Stas zu. Ein trinkfreudiger Geselle, welcher ein tschechisches Pivo nach dem anderen aus seinem Rucksack zauberte. So war für Kurzweil gesorgt und mit den Stellmachers waren auch noch Jenaer HSV-Bekannte im Zug, sodass die Fahrt wie im Flug verging.
Da wir rechtzeitig in Jena ankamen, gingen wir nochmal auf den Kernberg um das Stadion von oben abzulichten. War zwar ziemlich anstrengend und durch die Glätte auch nicht ohne, hat sich aber gelohnt!
Danke an den Junior-Hofer für den Tipp. Hoffe irgendwann klappt es mal wieder mit einem Treffen, scheint irgendwie ein Fluch über unseren geplanten Treffen zu liegen ;-)
Das idyllisch in der Oberaue gelegene Ernst-Abbe-Sportfeld ist Bestandteil eines 17 Hektar großen Sportgeländes und wurde 1924 eingeweiht.
Ernst Abbe war Physiker und Sozialreformer, auf sein Konto geht die Konstruktion zahlreicher optischer Geräte.
Charakteristisch für das Stadion war die dreibeinige Flutlichtanlage, die oben an Zahnbürsten erinnerte, die 1974 eingeweiht wurde und leider dem Hochwasser 2013 zum Opfer fielen. Mittlerweile stehen wieder Flutlichter. Leider nur weniger Originelle und auch die Kapazität wurde durch diese weiter nach unten gefahren. Aber es wird ja sowieso hier bald umgebaut.
Auch wurde hier die erste elektronische Anzeigetafel der DDR errichtet.
Der FC Carl Zeiss ist eine der erfolgreichsten DDR-Mannschaften und steht in der ewigen Tabelle der DDR-Oberliga sogar auf Platz 1. Im Zeitraum vom 18.08.1974 bis zum 29.3.1974 blieb der FCCZ in 75 Meisterschaftsspielen daheim sogar unbesiegt!
Gast im sogenannten Thüringen-Derby war heute der FC Rot-Weiß Erfurt. Leider steht es um den FC Rot-Weiß nicht gut. Zu den sportlichen Problemen, kommen noch die finanziellen Schwierigkeiten hinzu, welche sich auf 8,1 Millionen Euro belaufen sollen. So dürfte der Zug zum sportlichen Klassenerhalt leider schon abgefahren sein und man will bei Abstieg in eine geordnete Insolvenz gehen. Ich finde es immer bedauerlich, wenn Traditionsvereine vor die Hunde gehen. Oder wollt ihr etwa noch mehr kleine Konstrukte mit wenig oder keiner Tradition in den oberen Ligen haben? Gibt doch schon genug davon. Hoffen wir, dass in Erfurt bald wieder der Turnaround geschafft wird und man nicht allzu lang in der Regionalliga sein Dasein fristet.
Natürlich hatten wir beide auch gewissen Erwartungen an das bevorstehende Duell. Beim Hinspiel im September, von welchem wir auch berichteten, war optisch einiges geboten, supportmäßig lief aber vergleichsweise dazu recht wenig. Heute war es im Großen und Ganzen ähnlich gewesen, wobei optisch beide Fanszenen schon ordentlichen  drauf packten. Was an diesem Nachmittag von beiden organisiert wurde, war schon für deutsche Verhältnisse faszinierend!
Nun der Reihe nach: In der heimischen Südkurve liefen die Vorbereitungen zur "Beerdigung" des Erzfeindes. Die Choreo begann damit, dass schwarze Papptafeln sowie kleinere Bilder der Allegorien des Todes, wie Urne, Sensenmann, Totenköpfe, Kreuze und Grabsteine, hinter einer großen Zaunfahne "Rest in Hell" (Schmort in der Hölle) hochgehalten wurden. Zeitgleich wurde es auf der Haupttribüne im Block A, wo auch wir uns einfanden, eine Blockfahne mit einem Totengräber, ausgerollt.
Abgerundet wurde das Ganze mit dem Soundtrack aus dem Kult-Western "Spiel mir das Lied vom Tod". Nach ein paar Minuten folgte der zweite Teil der Choreo: Aus dem Block mit schwarzen Papptafeln wurden plötzlich die Vereinsfarben Blau-Gelb-Weiß, hinter der Zaunfahne "and now we yell" (und nun schreien wir), dazu dröhnte der Guns´n´Roses-Klassiker "Paradise City" aus den Boxen.
Zunächst gab es Konfetti, gleich im Anschluss folgten Bengalos und Rauch unterschiedlicher Farben, welche recht chaotisch im Block brannten. Der Choreostil war ein guter Mix aus der polnischen Ordnung und Kreativität, sowie dem italienischem Chaos beim Abfackeln der Pyrotechnik. Während der "Beerdigung des RWE" seitens der Heimfans lieferte Erfurt am anderen Ende der Südkurve natürlich ihre eigene Show ab.
Hinter der Zaunfahne "Im finsteren Tal, fürchte kein Unglück, denn wir sind bei Dir" , waren alle Gäste komplett in rote und weiße Ponchos gekleidet geordnet aufgestellt. Nebenbei wurden sehr viele rot-weiße Fahnen verteilt und auf dem vorderen Zaun jeweils von vermummten "roten Ponschos" rote bzw. "weißen Ponchos" entsprechend weiße Fackeln gezündet. Also ein wirklich beeindruckender Start beider Seiten ins Spiel. 
Weniger schön waren in unseren Augen jedoch die Leuchtspuren, welche aus dem Gästeblock immer wieder, entweder Richtung Haupttribüne oder Heimblock abgeschossen wurden.
Während dem weiteren Verlauf gab es diverse brennende Pyrotechnik in beiden Fanblöcken.
Erwähnenswert ist aber vor allem die Aktion der Erfurter zum Wiederanpfiff, als zu Gesängen gegen Stadionverbote die rot-weißen Ausgesperrten auf dem Berg hinter der Gegengeraden dutzende rote Bengalos zündeten!
Trotz unserer absoluten Zufriedenheit zum optischen Auftreten beider Kurven gab es im akustischen Support des Heim- und Gästeanhangs definitiv Luft nach oben. Nur selten wirkten die Gesänge auf beiden Seiten so überragend wie die Shows beider Szenen. Auch von dem so kreativen bzw.eigenständigem Support der Jenaer, den wir bis dato erlebt haben, war an diesem Nachmittag leider wenig zu spüren.
Mitte der zweiten Halbzeit kam es zudem noch zu etwas Bambule im Innenraum, als einzelne Jenaer Ultras den Zaun überkletterten, da wieder Leuchtspur in ihrem Block landete und es kurz mit Ordnern und Bullen schepperte. Auch die Hools auf der Tribüne versuchten etwas halbherzig an den Gästemob heranzukommen. Was bei dem utopischen Polizeiaufgebot nicht hoch genug zu bewerten ist. Haben wir doch noch nie soviele Ordnungshüter bei einem Spiel gesehen wie heute.
In Folge dessen hing die Jenaer Szene um die "Horda Azzuro" sämtliche Zaunfahnen ab und verließ den Block und verpasste somit wie im Spiel der 19jährige Florian Dietz zum Derbyhelden wurde, als er in der letzten Spielminute zum Sieg für Jena einnetzte.
Kulinarisch konnte uns die Bulette überzeugen, während die Thüringer Rostbratwurst doch etwas laff und geschmacksneutral daher kam. Bier gab es nur alkoholfrei und wurde somit nicht getrunken, da sowas genauso sinnlos ist wie der Videobeweis.
So ging ein auf optischem Niveau Weltklasse-Thüringen-Derby zu Ende. Und dank unserer Sprinterqualitäten erwischten wir noch den Zug der uns kurz vor Acht in der Frankenmetropole ablieferte.
"Take me down to the Paradise City, where the gras is green and the girls are pretty !"

Text:   Pressi + Шаффи
Fotos: Шаффи + Pressi