Mittwoch, 1. November 2017

SSC Napoli - Manchester City 2:4

UEFA Champions League
Stadio San Paolo
Zuschauer: 44 483 (ca. 1000 stille Citizens)

Am Mittwochmorgen startete ich mit dem Regionalzug aus Rom nach Neapel (Napoli), die symbolische Hauptstadt des Süditaliens. Die Stadt ist für ihre Einzigartigkeit in Europa sehr bekannt und in Italien selbst sehr umstritten. So wird die ärmliche und wirklich dreckige Stadt im reichen Norden des Stiefels von Vielen gehasst, während der Süden sie stolz als sein Symbol ansieht. Aufgrund der ganzen Umstände und der Gerüchte, die um Napoli kursieren, war ich wohl von den neun Städten meiner Tour am meisten auf diese gespannt war. An sich wohnen direkt in der Stadt um die 900 Tausend Einwohner, während das Metropolitangebiet mit seinen 3 Millionen nach Rom und Mailand auf Platz drei landet und sogar die höchste Bevölkerungsdichte landesweit aufweist.
Nach Ankunft ging es zu Fuß ins nahgelegene Zentrum zum mexikanischen Couchsurfer Josué, welcher mich für zwei Nächte bei sich beherbergte. Anschließend war für mich Sightseeing bis zum Abend bzw. dem anstehenden Champions League Spiel angesagt. Theoretisch hätte ich das Spiel der Junioren Champions League anschauen können, aber da war mir die Stadt definitiv wichtiger. So lief ich die Fußgängerstraße Via die Tribunali runter bis zum Dante-Platz. Via die Tribunali unterscheidet sich äußerlich nicht wirklich von den anderen Nebengassen - die einzige Ausnahme sind nur die deutlich mehr Läden, Cafés, Eisdielen etc., sodass diese Straße voll mit Touristen ist. Auch kann sie nur bedingt als Fußgängerzone bezeichnet werden, da immer wieder Mopeds oder Autos sich durch die enge Straße durchkämpfen. Sehr schnell gewöhnte ich mich an das Flair dieser gepflasterten, engen Gassen mit ihren wild aussehenden Bauten, Wäscheleinen und den rücksichtslos rasenden Mopedfahrern. Vom Aussehen und Chaos schaut es in jeder dieser Gassen gefühlt gleich aus. Obwohl das Ganze sicherlich nicht an die südamerikanischen Slums rankommt, sind die neapolitanische Verhältnisse insgesamt weit von den in Europa üblichen. Schön ist definitiv anders, doch einen gewissen Charme hat es für mich persönlich dennoch! Wobei ich auch sehr gut die Leute verstehen kann, die mit Napoli nichts anfangen können und nach einmal in der Stadt nie mehr hinmöchten… Als Hauptziel nahm ich mir das Castel Sant'Elmo auf dem Hügel Vomero, welches mit der Standseilbahn aus der Innenstadt erreichbar ist, vor. Die Burg an sich ist weniger interessant, aber die dortige Aussicht auf die ganze Stadt, ihren Hafen, das Mittelmeer und den Vesuv ist sehr spektakulär und beim Napoli Besuch ein Muss!
Nach dem Stadtbummel und einer Mahlzeit mit der neapolitanischen Pizza mit Anchovis (Sardellen) ruhte ich mich noch kurz in der Wohnung meines Gastgebers aus bis es dann mit dem Zug vom Piazza Cavour raus aus der Innenstadt zum Stadion in Fuorigrotta, einem Stadtviertel in der Peripherie von Napoli. Nachdem das aktuelle Stadio San Paolo im Jahr 1959 fertiggestellt wurde, zogen die Azzurri aus dem vergleichsweise kleinen, zentral gelegenen Stadio Arturo Collana hierhin um. Der Stadionname ist ziemlich seltsam, da sicherlich nur wenige Stadien der Welt den Namen eines biblischen Apostels tragen. Die heutige Kapazität des Stadions beschränkt sich auf ca. 60 Tausend, während es in der Vergangenheit inoffiziell gar über 100 Tausend Zuschauer aufgenommen hat. Am Anfang war das San Paolo offen gewesen, erst zur Weltmeisterschaft 1990 wurde hier das Dach aufgebaut. Seitdem gab es am Stadion wirklich nur kleinere Renovierungsarbeiten, sodass es praktisch immer noch so nach echtem Fußball der früheren Zeit duftet. Sowohl innen als außen macht dieses Stadion was her und gehört in meinen Augen u.a. durch seine Geschichte zu den Legendärsten des Kontinents. Dadurch, dass das San Paolo teils heruntergekommen ist, verspürt man darin auch sehr wohl die Atmosphäre aus der Stadt selbst. Da die Preise bei den Champions League Spielen der Azzurri vier Mal so hoch wie bei einem stinknormalen Serie A Spiel sind, fallen die Zuschauerzahlen verhältnismäßig zum Gegner in der Liga und der Champions League gering aus. Dabei machte ich mir noch Sorgen keine Karte für das Spiel zu bekommen. Selbst am Spieltag wäre dies kein Problem gewesen!
Tifomässig haben die Neapolitaner zwei riesige Fankurven zu bieten: Curva A und B. Die Spaltungen sind in Italien zwar gang und gäbe, aber diese Trennung ist schon ewig alt. Zahlenmäßig nehmen sich die Beiden auch nichts, sodass es recht einmalig sein durfte. 10 Tausend in jeder der beiden Kurven. Bei der Curva B handelt es sich um die ältere, traditionelle Kurve, wobei auch die Curva A mit den Gruppen Mastiffs, Masseria Cardone, Brigata Carolina usw. nicht erst vor ein paar Jahren entstanden ist. Erst letztes Jahr gab die A aufgrund der Repressionen ihre Auflösung bekannt, die aber dieses Jahr wieder aufgehoben wurde. Akustisch konnte mich zuerst eher die Curva A überzeugen, wobei die Jungs hinter den Fedayn und Ultras Fahnen in der B das Blatt auch schnell wendeten. Insgesamt fand ich dann ihren Auftritt doch geschlossener und somit schöner anzusehen als die Unterstützung der anderen. Ab und zu wurde in den beiden Kurven einzelne Bengalos oder Rauchbomben gezündet, doch dies hinterließ aufgrund der riesiger Ränge des San Paolo keinen besonders guten Eindruck.
Das Geschehen auf dem Platz war im Gegensatz zum Vorabend in Rom bei Roma - Chelsea echt spannend. 1:0, 1:1, 1:2, 2:2, 2:3, 2:4… Beide Mannschaften spielten hervorragend auf dem höchsten Niveau, wobei dann am Ende die Briten einfach im Torabschluss erfolgreicher waren.
Nach dem Spiel ging es zunächst ganz locker zum Bahnhof, wo ich auch mit dem Zug angekommen war. Doch da stellte sich heraus, dass die Polizei den Bahnhof, wohl wegen dem Streik der Lokführer, dichtgemacht hat. Es sollten Busse fahren, die selbstverständlich über 40 Minuten nicht gekommen sind. Selbstverständlich überall Chaos, die Taxifahrer starteten Auktionen zur Mitfahrt. Na warum wundere ich mich überhaupt?! Ich bin ja schließlich in Italien! An der Halte spotete ich zwei andere Deutsche aus Aue, die ich dann bald angesprochen habe und Laufen vorschlug. Über 8 km vom Stadion in die Stadt standen vor uns, die wir tatsächlich bei Mitternacht in Neapel dann zurückgelegt haben. Wenigstens wurde die Route von mir sehr geschickt gewählt, sodass wir an der Küstenpromenade gelaufen sind und noch weitere Sehenswürdigkeiten wie Piazza del Plebiscito, Castel dell'Ovo und Castel Nuovo sehen konnten.


Text/Fotos: Шаффи

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