Montag, 30. Oktober 2017

Ternana Calcio - Carpi FC 0:0

Serie B
Stadio Libero Liberati
Zuschauer: 3987 (ca. 20 Gäste)

Kurz nach sieben Uhr Montagmorgen rollte mein Regio in der umbrischen Stadt Terni ein. Die Nacht verbrachte ich problemlos im Nachtzug aus Parma nach Orte und das letzte Stück wurde eben mit der Regionalbahn zurückgelegt. Am Ziel angekommen machte ich mich erst mal auf den Weg ins Zentrum, wo der Bruder meiner heutigen Gastgeberin Silvia vom Couchsurfing wohnte. Luca, so heißt ihr Bruder übrigens, ist ein großer Fan des Stadtvereins Ternana Calcio. So hat mir Silvia gleich seinen Kontakt gegeben, als sie von meinem Hobby und dem Grund der Reise in ihre Stadt in meiner Anfrage gelesen hat. Für mich natürlich ein Traum, mit einem Einheimischen zum Spiel zu gehen und so möglichst viel zu erfahren.

Schon beim Durchlaufen durch die Stadt bemerkte ich, dass Terni sich definitiv von anderen italienischen Städten, wo ich bis dato gewesen war, unterscheidet. Ein absoluter Großteil der Bauten war nämlich modern und architektonisch nicht ansehnlich. Die Ursache dafür erklärte mir später Luca: Terni galt schon immer als eine Industriestadt, sodass während des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1943 sie aufgrund der Rüstungsindustrie zu 80% zerbombt wurde. Trotz dessen erholte sich die zweitgrößte Stadt von Umbrien und ist inzwischen wieder für ihre Industrie bekannt. Die wirtschaftliche Ausrichtung der Stadt beeinflusste dementsprechend auch die politische Einstellung ihrer Bevölkerung – Terni hat den Status einer sehr sozialistischen und linken Stadt. Nach dem süßen Frühstück, ja der Italiener isst generell Süßes am Morgen, hat mir Luca noch etwas die Innenstadt gezeigt, wobei es dort wie schon erwähnt, einfach nicht viel zu sehen gab. Die Hauptsehenswürdigkeit von Terni liegt jedoch 10 km davon entfernt. Es ist der künstliche Wasserfall Cascata delle Marmore, welcher über 2000 Jahre alt ist und vom Konsul Manius Curius Dentatus geschaffen wurde, um die Mündung vom Velino in den Sümpfen zu vermeiden. Leider war es bei meinem Besuch in der Stadt nicht drin gewesen.
Um die Mittagszeit rum kam meine Gastgeberin Silvia erst mal zum Vorschein: Zum Essen kochte sie für uns alle Pasta Carbonara, welche einfach wunderbar schmeckte. Die Pasta mit der identischen Bezeichnung bei uns hat genau so wenig mit der Echten zu tun wie ein österreichischer Brausekonzern mit Fußball. Zur Pasta gab es auf dem Tisch noch toskanischen Rotwein sowie geriebenen Hartkäse aus Schafsmilch. Nach dem Ausruhen und Unterhaltungen ging es dann gegen Abend raus zum Spiel. Die Eintrittskarten für je 12 Euro besorgten wir schon im Vorfeld in einem Ticketbüro in der Innenstadt. Luca scheint in dem Laden so bekannt zu sein, dass er beim Ticketkauf nicht einmal seinen Ausweis vorlegen musste. Bevor es ins Stadion gehen sollte, liefen wir noch zum Da Panzerotto. Bei diesem Platz Eins bei Tripadvisor unter allen Restaurants der Stadt handelt es sich um eine einfache Imbissbude, die sich lediglich auf lokale Spezialitäten in Panini bzw. Fladenbrot spezialisiert. Für mich gab es ein Panino Coratella, das mit Herzstücken und Lunge vom Lamm belegt ist. Schmeckte super und machte mich zudem ordentlich satt!
In etwa 20 Minuten vor Spielbeginn betraten wir nun das Stadio Libero Liberati. Libero Liberati war ein sehr bekannter in Terni geborener Motorradfahrer, welcher 1962 bei einem Unfall ums Leben kam. Der Ground wurde 1969 fertiggestellt und weist derzeit ein Fassungsvermögen von 22.000 auf. Es hat eine sehr einzigartige Bauform. Zum einem gibt es hier ganze sieben Tribünen, wovon fünf als Curva (Kurve) bezeichnet werden. Zum anderen sind es die Tribünen an sich, welche jeweils in drei Ränge aufgeteilt sind. Von außen ist die Tribünenkonstruktion von Bildern der Brigata Pablo Neruda geschmückt. Dies ist eine Gruppe chilenische Künstler, welche 1973 aus der Diktatur von Pinochet geflohen sind und in Terni von der kommunistischen Partei als Flüchtlinge aufgenommen wurden. Diese antifaschistischen Bilder am Stadion malten die Chilenen praktisch aus Dankbarkeit für die Aufnahme. Als einziges Manko am Stadion könnte die Weitläufigkeit der Tribünen genannt werden, die sich wirklich ewig weit weg vom Rasen befinden.
Die einheimische Fanszene ist, wie man weiß bzw. sich schon denken kann, sehr links angehaucht: So war heute beispielweise ständig eine palästinische Schwenkfahne in Einsatz. Außerdem pflegen die Ultras neben den Freundschaften zu Atalanta, Sampdoria und Casertana auch noch gute Kontakte zu den Gruppen des FC Sankt-Pauli. Im Stadion gibt es zwei Support-Standorte: Die traditionelle Curva Est und vor einigen Jahren entstand die Spaltung davon in der Curva Nord. Der neue Supportblock in der Nordkurve wirkte größer und geschlossener, wobei akustisch von denen bei mir am anderen Ende des Riesenstadions recht wenig ankam. Curva Est war deutlich näher und so konnte ich sie ganz gut hören. Auch wenn es auf den Bildern ziemlich armselig erscheint und der Support vielleicht nicht der abwechslungsreichste war, gefielen mir die melodischen, leidenschaftlichen Gesänge ihrerseits zeitweise sogar ganz gut.
Das Gekicke auf dem Platz war typisch italienisch wie man es sicherlich in Deutschland bezeichnet hätte. Laut Luca hat die Gästemannschaft aus Carpi auch eine übelste Spielweise, die sowohl das Team selbst nicht weiterbringt, aber auch die Gegner nicht spielen lässt. So endete zum ersten Mal in dieser Saison ein Spiel des Ternana Calcio mit einem 0:0.
Nach dem Schlusspfiff brachte mich Luca zum Haus seiner Schwester Silvia, wo es für mich auch schon in die Federn ging. Ein großes Dankeschön für die Zeit, Silvia und Luca! So macht Italien noch mehr Spaß!

Text/Fotos: Шаффи


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