Donnerstag, 17. September 2015

Athletic Club Bilbao - FC Augsburg 3:1

Europa League
San Mamés
Zuschauer: 37.838 (ca. 1.400)

Der FC Augsburg zog in der ersten Runde seiner Euro-Karrierre mit Athletic Club einen Gegner, dessen Heimat in der größten und wohl auch faszinierendsten Stadt im spanischen Baskenland – Bilbao – liegt.

Bilbao, eine alte Stadt, deren Reichtum sich auf die Eisenerz-Vorkommen in den umliegenden Bergen gründet (noch immer findet man in den Arbeitervierteln mitten in der Stadt Stolleneingänge unter alten Häusern, die tief in die Berge hineinragen), ist nicht nur wegen der Kneipenszene („des ist ja wie Alt-Sachs hoch 100!“) empfehlenswert. Nebenan, in San Sebastian, erfand ein weiser Mensch die Pintxos (eine filigranere Variante von Tapas), die in jeder Bar auf der Theke stehen und so die Abende in den Bars zu verschönern und zu verlängern wissen.
Nach schlappen 22 Stunden Anfahrt mit der Karre wurde sich den baskischen Gepflogenheiten auch stilecht angepasst. Nachdem über 15 Biersorten getestet und kulinarisch stundenlang zugeschlagen wurde (Basken: Bierbrauen pfui - Essen hui!), ging´s nach kurzer Nacht zum Ausnüchtern statt Guggenheim-Museum lieber an einen der vielen einsamen Buchten zum Plantschen, bevor nach einem weiteren Kneipentag und Stadtführung das Europapokal-Spiel anstand.
Somit zum Fußball und der Jugendkultur der Stadt:
Bilbao kam zum einen durch seine Lage als Hafenstadt und damit vielen Einwanderern früh mit dem Fußball in Kontakt, insbesondere aber brachten wohl englische Ingenieure, die in der Entwicklung der sich bildenden Eisenindustrie tätig waren, die Begeisterung für den Fußball mit.

Prägend für die Kultur hier ist der Hass gegen die Spanier/den spanischen Staat, insbesondere die Bullen, und der Wunsch nach einem geeinten, selbstständigen Baskenland. Größtes Thema sind dabei wohl die Menschenrechtsverletzungen gegen politische Gefangene.
Entgegen der Menschenrechtskonventionen sitzen etwa 450 baskische politische Gefangene aus den ETA-Prozessen in Gefängnissen, die möglichst weit von ihrer Heimat entfernt sind, was Besuche der Familien schier unmöglich macht. Schwerkranke Basken dürfen nicht nach Hause, sterben teils in Haft. Gleichzeitig sind noch immer Verhaftungen, Iso-Haft und Folter gängig, wenn Nähe zum linken Spektrum unterstellt wird. Siehe die Verhaftung von 28 baskischen Jugendlichen wegen linker CDs und Buttons Ende 2014, Anti-Terror-Sondergesetze machen eben Vieles möglich!

Interessant auch die Hausbesetzer-Szene, wobei hier nicht besetzt wird, um zu wohnen, sondern um Räume und Austauschmöglichkeiten für Jugendliche zu schaffen. Auch hier gibt’s regelmäßig Ärger mit der Bullerei (bekanntester Fall mit deutscher Inhaftierung: die Räumung des Kukutza, ein 13 Jahre lang selbstverwaltetes, soziales Zentrum).
Im einem momentan von den „Sieben Katzen“, wie die Besetzer-Szene heißt, besetztem Haus, hingen Bilder der letzten erschossenen Szene-Mitglieder, untermalt mit dem Spruch „Wenn alle ein wenig geben würden, müssten nicht wenige alles geben“.

Fußball spielt man in Bilbao im Stadtteil San Mamés, welcher benannt ist nach einem Heiligen – ein Kind, dass den Löwen von den Römern zum Fraß vorgeworfen worden war und überlebte.
Das dort 1913 eingeweihte Stadion in San Mamés, genannt La Catedral, welches sich direkt an die Kneipen der gegenüber liegenden Häuserfront schmiegte und somit vor den Spielen für eine atemberaubende Atmosphäre auf der Straße sorgte, wurde mitsamt seinem schrullig-kultigen Museum 2013 dem Erdboden gleichgemacht. An dem Ort grüßt nun ein grauer Betonvorplatz, an dem einige Meter weiter die neue "Kathedrale" erbaut wurde.
Wer das alte Stadion noch kannte, kann das Neue nur scheiße finden, da helfen auch nicht der steile geile Oberrang und die top Sicht.

Die größte Gruppe von Atletic, die „Herri Norte Tadea“ (Nordvolk-Gruppe) gründete sich bereits 1981 und ist links, separatistisch und nationalistisch, wobei der Nationalismus nicht mit der hierzulande herrschenden Definition einhergeht.
Die Basken sehen keine Probleme mit Einwanderern („Refugees welcome! This is not France, not Spain“) Jeder kann Baske sein, der sich in die Gemeinschaft einfügt und ihr dient, so der Tenor.
Ähnlich verfährt auch Atletic Club, gegründet 1898, mit seinen Spielern. Wer Baske ist, wer baskische Wurzeln hat, oder wer in der Jugendarbeit bei Atletic Club groß wird (unabhängig von der Herkunft), darf in diesem Club spielen. Bei einer solchen Spielerpolitik sind die Erfolge der Basken noch höher anzurechnen.
Stolz auf sein Land zu sein, Bullen und den Staat als Feind, antifaschistische Grundeinstellung, Separatismus und Kampf um eine geeinte Heimat – so kann man es in etwa beschreiben.
Apropos Bullen: Der aufmerksame Leser weiß sicherlich um den von einem Gummigeschoss erschossenen Basken Inigo bei den Auseinandersetzungen zwischen Basken und Polizei nach dem Spiel gegen Schalke 2011.

Die Augsburger trafen sich mehrere Fußminuten entfernt auf einem Platz und begannen ihre
n Marsch durch die Straßen wahlweise in weiß oder oberkörperfrei, nachdem es ohnehin in Strömen geregnet hatte.
Die Gesänge hallten laut und knackig durch die baskischen Straßen. Die gute Stimmung hielt sich auch während des Spiels, während man die „Herri Nolte Tadea“ zwar sehen, aber nicht hören konnte.
Die Basken zeigten 2x ein „Refugees welcome“ Spruchband und 2x eine Blockfahne, wie man sie in der gesamten Stadt an fast jedem Haus hängen sieht (da sehr viele Basken inhaftierte Verwandte oder Bekannte haben): Die Fahnen zeigen die Silhouette des geeinten Baskenlandes mit der Forderung, die Basken heim zu holen bzw. auch wieder frei/auf die Straße zu lassen.

Die Gesänge der Schwaben ergaben teilweise ein brachiales Echo, 1200-1500 Europa-Euphorisierte drehten fröhlich am Rad, auch ohne Schwenkfahnen und Megaphon.
Nach dem Führungstreffer Ordner im Block, die Situation beruhigte sich aber wieder.
Die Gegentreffer taten der guten Stimmung keinen Abbruch und auch nach dem Spiel wurde die gesamte Blocksperre lang noch ausgiebig die Mannschaft trotz der 3:1-Niederlage gefeiert.

Die Basken wiederum gaben nach dem Spiel stehend Ovationen an die Augsburger Fans, selbst die Ordner applaudierten gen Gästeblock – verrückt!

Nach dem Spiel wurde – der baskischen Gastfreundschaft sei Dank - noch ausgiebig in der Stadt gefeiert.

Gastbericht + Fotos: Elfin